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Dominique
Cardon134
dass man die diversen technischen und industriellen Fragestellungen, die die
digitale Ökonomie steuern, auch als Wettstreit über die beste Methode zum
Ranking von Information verstehen kann.
die PoPularität der KlicKs
Die erste Gruppe digitaler Berechnungen bilden Messungen von Publikum
und Öffentlichkeiten, die neben dem Web durch Quantifizierung der Anzahl
von Klicks ›einzelner Besucher‹ die Popularität von Webseiten messen. Dieser
Messwert ist die Hauptmaßeinheit, die über die Beliebtheit von Online-Me-
dien und, durch einfache Gleichsetzung, über die Werbeeinkünfte, die man
damit erzielen kann, Rechenschaft ablegen soll. Publikumsmessungen imitie-
ren eine demokratische Abstimmung: Jeder Internetnutzer, der etwas anklickt,
hat eine (und nur eine) Stimme, und die Rankings werden von den Seiten do-
miniert, denen es gelingt, die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie
man an der Geschichte der Quantifizierung der Öffentlichkeit für Zeitungen,
Radio und Fernsehen sehen kann, erhielten solche Messungen aufgrund ihrer
großen Nähe zu demokratischen Prozeduren ihre Legitimation (Méadel 2010).
In der Tat werden ›Öffentlichkeit‹ und Wählerschaft oft als austauschbare Kol-
lektive verstanden. Sie teilen die gleiche Idee statistischer Repräsentativität,
die auf der Zählung einzelner Stimmen beruht, und beide bilden anscheinend
das Herzstück der Idee einer Nation. Beide organisieren sich um eine Asym-
metrie zwischen einem kleinen Zentrum von ›Sendern‹ (das Feld der Politik,
der Medien) und einer schweigenden Population von ›Empfängern‹ (Wähler,
Zuschauer). Im Zentrum teilen mehrere Medien die zerstreuten individuellen
Stimmen unter sich auf, die jeweils ein Programm auf sich versammelt. Leu-
te, die die gleiche Erfahrung teilen, werden erzogen und vereinheitlicht. So
vereinen populäre Programme ein »großes Publikum«, indem sie eine »ima-
ginierte Gemeinschaft« hervorbringen, die an der Bildung einer kollektiven
Repräsentation der Bürger teilhat (Anderson 1996).
Mit der wachsenden Deregulierung des Mediensektors und der immer
größeren Rolle der Werbung dient Publikumsmessung immer weniger dazu,
eine ›Öffentlichkeit‹ zu konstruieren, sondern schätzt nur noch ›Marktantei-
le‹. In der Welt des Digitalen, wo der Nachschub an Information überreich-
lich und unkontrolliert ist, hat das Publikum jegliche Verbindung mit der Idee
öffentlicher politischer Repräsentation verloren. Im Web werden Zuschauer
auf zweierlei Weisen gemessen (Beauvisage 2013). Erstens: nutzerzentrierte
Messungen auf der Basis eines Modells der Massenmedien. Eine Internet-
Marktforschungsfirma (z.B. Médiamétrie/Netratings oder ComScore) instal-
liert in den Computern einer repräsentativen Stichprobe von Internetnutzern
ein Messgerät, das das Surfverhalten aufzeichnet, um später das Publikum
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik