Seite - 138 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Dominique
Cardon138
Couvering 2008). Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf den Zensureffekt
eines Klassifikationssystems, das autoritätsbasierte Maßstäbe nutzt. Klassifi-
ziert wird nur die Information, die von Leuten kommt, die Dokumente mit
Hypertextlinks veröffentlichen, also z.B. von Webseitenbesitzern und Blog-
gern; alles andere wird ignoriert. Aber mit der ständig wachsenden Beliebtheit
des Internets tauchen auch überall in den sozialen Netzwerken neue Arten
der Partizipation auf, die flüchtiger, interaktiver und spontaner sind – und ge-
sellschaftlich weniger selektiv. Internetnutzer sind durch ihre Facebook- und
Twitter-Seiten aktiv Mitwirkende geworden und die sozialen Medien ziehen
ein Publikum an, das jünger, schlechter gebildet und gesellschaftlich wie geo-
graphisch diverser ist. Googles Algorithmus benimmt sich, als könnten nur
Hypertext-Links Anerkennung übermitteln, und ihre Ansammlung stützt
sich auf Autorität. Das geht aber z.B. nicht mehr mit ›Likes‹ und auf Facebook
geteilten Seiten. Letzteren geht es mehr um subjektive Bedeutungen, Konst-
ruktionen der Identität, widerstreitende Bewertungen und kontextuelle Idio-
synkrasien, deren Muster nur unvollständig und näherungsweise berechnet
werden können. Während Hypertext-Links den Anschein erwecken, auf das
gesamte Netz eine quantifizierbare Bedeutung zu projizieren, vermitteln ›Li-
kes‹ nur einen eingeschränkten Blick auf das soziale Netzwerk einer einzelnen
Person. Zudem bringen soziale Medien tendenziell traditionelle Ranking-Sys-
teme zum Einsturz, indem sie Vorlieben und Online-Muster um einen Kreis
von ›Freunden‹ oder ›Followern‹ neu organisieren, den sich Internetnutzer
selbst gewählt haben. Während autoritätsbasierte Maßstäbe die Anerkennung
von Dokumenten unabhängig von ihren Autoren messen, werden nun die di-
gitalen Identitäten von Nutzern genauso stark bewertet wie die Dokumente
selbst (Cardon 2013).
die rePutation der ›liKes‹
Während autoritätsbasierte Maßstäbe darauf abzielen, ihre Berechnungen
oberhalb des Webs zu verstecken, auf dass Internetnutzer sie nicht so leicht
verändern oder stören können, befinden sich die reputationsbasierten Maß-
stäbe der sozialen Netzwerke innerhalb des Netzes, so dass sich Nutzer aktiv
gegenseitig bewerten und beim Bewerten zuschauen können. Das Paradigma
dieser neuen Berechnungstechniken ist das ›Like‹ oder ›Gefällt mir‹ auf Face-
book, das sichtbarste Symbol einer viel breiteren und disparaten Gruppe von
Indikatoren, die die Größe eines persönlichen Netzwerks anhand der Anzahl
der Freunde, der Reputation durch veröffentlichte Artikel und Links, die an-
dere weitergeteilt oder kommentiert haben, der Häufigkeit, mit der ein Nutzer
in einer Online-Konversation erwähnt wird usw. messen. Reputationsbasierte
Rankings messen die Kapazität eines Nutzers, seine Botschaften durch andere
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik