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Dominique
Cardon144
missbrauchter Frauen die tatsächliche Anzahl von missbrauchten Frauen
oder aus den Oberschulen mit den besten Testergebnissen werden die besten
Schulen usw. Der Gradmesser einer Leistung, oft eindeutig, wird so zu einem
Werkzeug zur Interpretation eines viel breiteren Kontexts. Überdies macht der
reflexive Charakter der Indikatoren die gesellschaftlich Handelnden selbst zu-
nehmend strategisch und auch das ›Reale‹ immer manipulierbarer. In diesem
Kontext kehren die jüngsten Berechnungen von Big Data in Reaktion auf die
instrumentellen Benchmarking-Messungen zu einem solideren Außenstand-
punkt zurück. Aber man erwartet von ihnen nicht, neben oder oberhalb der
gemessenen Daten angesiedelt zu sein, als abgehobene Beobachter, die die Ge-
sellschaft aus ihren Laboren überblicken. Big Data verzichtet auf wahrschein-
lichkeitsbasierte Untersuchungen, auf Bewertungen der Informationsqualität,
und hat die Berechnungen in der Black Box der Maschinen verborgen, so dass
die Nutzer sie nicht mehr beeinflussen oder verändern können. So hat Big
Data die instrumentelle Objektivität der Naturwissenschaften reanimiert, aber
diesmal außerhalb des Labors: Die Welt selbst wurde direkt aufzeichen- und
berechenbar. In der Tat besteht der Ehrgeiz darin, immer näher am ›Realen‹
zu messen, flächendeckend, detailliert und diskret.
die Krise Kategorischer rePräsentation
Die zweite Transformation, die die Art und Weise, in der Gesellschaft sich
selbst in Zahlen spiegelt, erschütterte, ist die Krise statistischer Konsistenz;
jene ordnet ein System von Kategorien, die untereinander stabile Beziehungen
unterhalten. Die Sammlung von Sozialstatistiken haftet nicht mehr an tatsäch-
lichen Gesellschaften oder ist im Einklang mit ihnen: Statistik sieht keine aus
der Vielfalt individueller Verhaltensweisen erwachsende Gesamtdarstellung
mehr vor, mit der Leute sich identifizieren könnten. Obwohl Statistiken nie
weiter verbreitet waren als jetzt, werden sie häufig und zunehmend angegrif-
fen. Globale statistische Indikatoren – wie Arbeitslosenzahlen, Preisindizes
oder Bruttoinlandsprodukt – werden oft als manipulierbare Informationskons-
trukte gesehen, die für eine Vielzahl politischer Ziele benutzt werden können.
Daher spielen sie in der Figuration des Sozialen eine schwindende Rolle. Unter
dem Einfluss der Theorie der Rationalen Erwartungen hat der managerhafte
Staat seine statistischen Aktivitäten stattdessen auf ökonometrische Methoden
umorientiert, die Public Policies formulieren und bewerten wollen (Angeletti
2011). Auch in den nationalen Statistikinstituten wurde die Nomenklatur von
»Beschäftigungsverhältnisse und berufsständische Kategorien« seit den frü-
hen 1990er Jahren schrittweise durch spezifischere oder eindimensionale de-
mographische Variablen wie Berufsabschluss oder Einkommen ersetzt (Pier-
ru/Spire 2008).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik