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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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5. Den Algorithmus dekonstruieren 145 In der Tat hat die Ökonometrie die globalen statistischen Modelle der Sozio- logen im Namen der Wissenschaft in Frage gestellt und an den Rand gedrängt. Mit ihren Querverweistabellen und geometrischen Datenanalysemethoden be- vorzugen Vertreter der Ökonometrie Techniken der linearen Regression, die als verifiziert gelten, wenn es ›bei ansonsten gleichen Bedingungen‹ eine Kor- relation zwischen zwei Variablen gibt. Die von Soziologen und Statistikern in den 1970er Jahren eingeführten Datenanalysetechniken, insbesondere Fakto- renanalysen der Hauptkomponenten, versuchten, verschiedene manifeste Va- riablen auf eine zweidimensionale Fläche zu projizieren. Während soziale Phä- nomene einst dadurch gemessen wurden, dass man mittels berufsständischer Kategorien einen Überblick über eine Gesellschaft konstruierte, versuchen ce- teris paribus Berechnungen, basierend auf ›ansonsten gleichen Bedingungen‹, so spezifisch wie möglich zwei eigenständige Variablen zu isolieren, um zu bestimmen, ob die eine auf die andere Auswirkungen hat, unabhängig von allen anderen Variablen, die die mühselige Vorstellung einer ›Gesellschaft‹ einschließen. Mittels Mathematik individualisieren solche ökonometrischen Berechnungen die Daten, die in die Modelle eingehen, und bemühen sich, sie so exakt und unzweideutig wie möglich zu machen. Dieser Ansatz misstraut Kategorien, die zu breit sind, die die Kalkulationen durch tautologische Erklä- rungen oder den Eingang von politischen oder sozialen Vorannahmen in die Gleichungen zu verunreinigen drohen. Die Wende zur Ökonometrie in der Na- tionalstatistik hat so die Grundlage für die digitalen Algorithmen der Big Data geschaffen, basierend auf der großen Zahl. Da die rechnerischen Ressourcen es nun zulassen, ist es nicht mehr nötig, die Modelle zu verfeinern und zu begrenzen, um die Korrelationen zwischen Variablen zu bestimmen, die als Annahmen dienen: Es ist jetzt machbar, von der Maschine zu verlangen, alle möglichen Korrelationen zwischen einer wachsenden Anzahl von Variablen zu testen. Wenn Berechnungen heute mehr in den Vordergrund zu treten scheinen, dann weil die Gesellschaft zunehmend komplex und schwer zu messen ge- worden ist. Die Logik der gesteigerten Anpassung an Nutzerwünsche, die die derzeitigen Techniken der Informationsordnung entstehen ließ, ist eine Kon- sequenz aus der expressiven Individualisierung, die die Entwicklung digitaler Anwendungen begleitet hat. Früher, in hierarchischen Gesellschaften, als der Zugang zum öffentlichen Raum hochgradig reguliert war, war es leicht im Namen von einzelnen zu sprechen, indem man die Kategorien verwendete, die sie repräsentierten. Regierungen, Wortführer und Statistiker konnten über Ge- sellschaft ›sprechen‹ – mittels der Ansammlung von Daten, die sie konstruiert hatten, um sie abzubilden. Heute wirkt diese abstrakte körperlose Vorstellung von Gesellschaft immer künstlicher und willkürlicher und immer weniger geeignet, die Diversität individueller Erfahrungen zu repräsentieren. Die Zer- streuung von Subjektivitäten in öffentlichen digitalen Räumen hat Individuen
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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