Seite - 146 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Bild der Seite - 146 -
Text der Seite - 146 -
Dominique
Cardon146
dazu ermutigt, sich selbst zu repräsentieren (Cardon 2010). Die Individuali-
sierung von Lebensstilen und die Zunahme gesellschaftlicher Möglichkeiten
trugen zu einer ansteigenden Flüchtigkeit von Meinungen, einer Diversität
von Karrierewegen und zu einer Vervielfältigung von Interessensgebieten und
Konsumbereichen bei. Eine wachsende Zahl von Verhaltensweisen und Ein-
stellungen stehen so weniger unmittelbar in Korrelation zu den großen inter-
pretierenden Variablen, an die Soziologen und Vermarkter eher gewöhnt sind.
Selbst wenn die traditionellen soziologischen Methoden zur Bestimmung von
Verhalten und Meinungen weit davon entfernt sind zu verschwinden, können
sie doch die Gesellschaft nicht mehr mit der gleichen Spezifität kartographie-
ren.
Jüngste Entwicklungen in statistischen Techniken versuchen diese Schwie-
rigkeiten zu überwinden, indem sie sowohl die Natur der Daten als auch die
verwendeten Rechenmethoden erneuern und neu erfinden. In der Auswahl
der für Computer bestimmten Daten trat eine systematische Verschiebung ein:
Für stabilere, nachhaltigere und strukturierende Variablen, die statistische Ob-
jekte in Kategorien platzieren, geben digitale Algorithmen Events den Vorzug
(Klicks, Käufe, Interaktionen usw.), die sie auf die Schnelle aufzeichnen, um
sie mit anderen Ereignissen zu vergleichen, ohne breite Kategorisierungen
machen zu müssen. Statt ›schweren‹ Variablen versuchen sie Signale, Hand-
lungen und Leistungen zu messen. Indem sich so die Rahmenstruktur der Na-
tionalstatistiken auflöst, sind die meisten Techniken zur Stichprobenbildung,
die es einst Forschern erlaubten, ein Phänomen innerhalb einer definierten
Population zu messen, obsolet geworden.
Der Niedergang traditioneller Methoden zur Stichprobenbildung förderte
einen radikalen Bruch innerhalb der statistischen Methoden. Mit der immen-
sen Macht der Computer bewaffnet sehen Big Data-Entwickler umfassenden
Datensätzen entgegen und sind glücklich, wenn sie sie »roh« erwischen kön-
nen (Gitelman 2013). Einige behaupten, es sei besser alle Daten zu sammeln,
ohne sie vorher auszuwählen oder filtern zu müssen. Aber natürlich hatte der
Verzicht auf systematische Anforderungen der Datenselektion bei digitalen
Berechnungen mehrere Konsequenzen (Boyd/Crawford 2011). Erstens betref-
fen diese Aufzeichnungen nur die Aktiven, die, die Spuren hinterlassen haben;
andere – die nicht verbunden, passiver und nicht aufspürbar sind – werden aus
der Struktur von Netzwerk-Daten ausgeschlossen. Auch trug das Fehlen einer
kategorialen Infrastruktur für statistische Aufzeichnungen zu einer wachsen-
den Anwenderanpassung und Fragmentarisierung der Berechnungen bei. Bei
den meisten Webdiensten, die Massendaten-Verarbeitungstechniken imple-
mentiert haben, geht es darum, den Internetnutzern selbst die angemessenen
oder passenden Informationen zurück zu spiegeln. Bezeichnenderweise ist
das einzige Werkzeug, das eine großflächige Repräsentation von Daten sicher-
stellt, die Landkarte. Positions- oder Ortsbestimmung, Geolocation, die es den
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik