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6. ›Ver-rückt‹ durch einen Algorithmus
Immersive Audio: Mediation und Hörbeziehungen
Joseph Klett
Du sitzt in einem Zimmer. Auf deinem Kopf trägst du scheinbar handelsübliche Kopf-
hörer. Eine Markenbezeichnung ist auf den Ohrmuscheln eingeprägt: Mantle. Die Kopf-
hörer sind an eine Blackbox-Konsole angeschlossen, die ihrerseits mit einer Nutzer-
Oberfläche auf deinem Computer verbunden ist. Am Bildschirm wählst du »Benutzer
kalibrieren« aus. Das System generiert eine Reihe von Tönen und fordert dich auf, jeden
einzelnen Ton in Beziehung zu deinem Avatar auf dem Bildschirm zu verorten: ein Ton
scheint direkt hinter deiner rechten Schulter zu entstehen; ein anderer Ton erklingt di-
rekt vor dir, vielleicht eher ein bisschen von links. Du lokalisierst eine gewisse Anzahl
von Tönen – vielleicht zwölf insgesamt – und dann wartest du, bis das System dein Profil
erstellt hat. Du bekommst ein Signal, dass das System jetzt bereit für dich ist.
Immer noch im Sitzen wählst du aus deiner Programmbibliothek das Lied »Deja la Vida
Volar (REMASTERED)« von Victor Jara aus. Ein Mediaplayer mit den üblichen Schalt-
flächen PLAY, PAUSE, ADVANCE und REVERSE erscheint auf dem Bildschirm. Neu ist
ein weiteres Menü LOCATION; du bleibst erst einmal bei der Voreinstellung »Studio«. Du
drückst auf »Play«. Jaras Akustikgitarrenklänge perlen vor dir von einer Seite zur ande-
ren, während die Holz-Percussion dumpf zu deiner Rechten stampft. Deine Augen folgen
dem Klang der Andenflöte, der fast zum Greifen nah linker Hand schmachtet. Als Jaras
Stimme ertönt, drängt sie in den Vordergrund, direkt vor dir – doch sie klingt merkwürdig
hohl, als käme sie aus einer Höhle. Alles klingt so wie aus einem halbwegs anständigen
Kopfhörer in digitalem Stereo.
Dann bewegst du den Kopf. Ein Gyroskop im Kopfhörerbügel registriert deine Bewegung.
In der Konsole übersetzt ein Mikroprozessor die Information, ein Algorithmus passt so-
fort das Ausgangssignal an deine Kopfbewegungen an. Während du nach links blickst,
kannst du die Stimme, die eben noch vor dir war, nun hinter deiner rechten Schulter
hören. Die Flöte ertönt jetzt grade außerhalb der Reichweite deiner rechten Hand. Das
Schlagzeug ist hinter dir. Du schwenkst den Kopf langsam von rechts nach links und der
Klang passt sich an, gleicht deine Richtungswechsel mit seinem virtuellen Raum ab. Du
bewegst den Kopf schneller und der Algorithmus schwenkt um; eine Kompressionsse-
quenz verhindert hörbares Audio Clipping. Dank des Zerstreuungskegels der Wahrneh-
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik