Seite - 152 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Joseph
Klett152
mung im menschlichen Ohr nimmst du gar nicht wahr, dass das Playback vorübergehend
weniger Samples enthält.
Du wendest dich wieder der Nutzeroberfläche und deren Menü zu. Du schaltest bei
LOCATION von »Studio« auf »CBGB«. Der Sound verwandelt sich automatisch von der
Studioschachtel, in der Jara aufnahm, in die langgestreckte Akustik des berühmten
Kult-Clubs. Es spielt keine Rolle, dass der New Yorker Club überhaupt erst zwei Monate
nach Jaras tragischem Tod in Chile eröffnet wurde; ein anderer Online-Jara-Fan hat sich
die Mühe gemacht, eine verlustfreie MP3-Aufnahme in dem objekt-basierten Format,
das du jetzt hörst, zu remastern. Dieses Format übersetzt die Aufnahme in einzelne
Klang-Objekte, die anhand vorher aufgezeichneter akustischer Parameter tatsächlicher
Räumlichkeiten wiedergegeben werden. In Verbindung mit dem Algorithmus kannst du
nun mithilfe von Kopfhörern so hören, als wärst du tatsächlich an verschiedenen Orten.
Dies ist ein fiktiver Bericht. Aber du könntest diese Geschichte auch von den Technikern
hören, die die Algorithmen für Immersive Audio erstellen.
»Was machen Algorithmen?« Solon Barocas, Sophie Hood und Malte Ziewitz
(Barocas u.a. 2013) werfen diese Frage auf, um die funktionale Geschlossen-
heit und Eindimensionalität von Algorithmen infrage zu stellen. Algorithmen
sind keine immateriellen Formeln, sondern praktische Ausdrücke, die Aus-
wirkungen auf die phänomenale Welt von Menschen haben. Daher muss man
diese phänomenalen Modifizierungen auf ihre Relevanz als algorithmische
Vorgänge untersuchen (Gillespie 2014). Statt Algorithmen für selbstverständ-
liche Mechanismen zu halten, könnten wir diese technischen Verfahren ›in
freier Wildbahn‹ aufsuchen, um so besser zu verstehen, wie sie Erfahrungen
vermitteln. Algorithmen werden buchstäblich und im übertragenen Sinn von
handelnden Personen ›kodiert‹, die Bedeutungen und Werte vor Ort in techni-
sche Prozeduren übersetzen. Ein Beispiel dafür finden wir, wenn wir uns die
digitale Technik von Immersive Audio näher anschauen.
In diesem Kapitel nehme ich Sie mit in ein Forschungs- und Entwicklungs-
Labor (R&D), in dem Tontechniker mit psychoakustischen Regeln und objekt-
orientierten Berechnungen experimentieren, um Klänge in einer virtuellen
Hörumgebung zu reproduzieren. Ein Mikroprozessor (und der darin eingebet-
tete Code) vermittelt zwischen live ertönenden oder aufgezeichneten Quellen
und einem Kopfhörer für die Wiedergabe. Der Klang wird in seiner Beziehung
zwischen Wahrnehmungscharakteristika und Raumausrichtung des Hörers
und dem Klangverhalten einer Umgebung umgestaltet. Immersive Audio wur-
de ursprünglich für Anwendungen im Film, in der Musik und in Videospie-
len vermarktet – obwohl die Entwicklung dieses neuen Audio Formats (Sterne
2012) nicht gegen einen Einsatz in verschiedenen Bereichen erweiterter Rea-
lität (Augmented Reality = AR) spricht, wie etwa auf Videokonferenzen oder
bei virtuellen Führungen. In der Tat betonen die zeitgenössischen Entwickler,
dass die Zukunft von AR nicht davon abhängt, welche Informationen mithil-
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik