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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Joseph Klett154 rer konstruieren wir eine neue klangliche Beziehung zur Welt, die Bedeutung überlagert (Beer 2007; Bijsterveld 2010; Bull 2012; Hosokawa 2012). Das me- chanische Verhalten dieser Technologie ist bedeutsam, weil es den Symbol- gehalt, den es vermittelt, selbst färbt. Diesbezüglich thematisieren Jonathan Sterne und Tara Rodgers (2011) die Semiotik algorithmischer Signalverarbei- tung und beziehen Metaphern des »Rohen« und des »Gekochten« auf die Klangfarbe der Audio-Wiedergabe. Techniker benutzen diese Kategorien, um ›unberührte‹ Klänge von verarbeiteten zu unterscheiden; solche symbolischen Kategorien erlauben es ihnen – im Vakuum des Mediums – absolute oder ›rei- ne‹ Klänge zu spezifizieren, die entweder noch verarbeitet oder unbearbeitet belassen werden. Über hörbare Signale hinausgehend kodieren Tontechniker auch Algorith- men für akustische Eigenschaften von Klang. Sterne (2015) beschreibt die Be- deutung, die »dry« und »wet« Audio für Tontechniker haben, wenn sie vorge- gebene Signale mit algorithmischem Affekt kombinieren. Es ist Symbolarbeit, wenn Tontechniker den situativen Effekt des Halls separieren, so als habe er eine unabhängige Beziehung zum absoluten Klang-Objekt – sie imaginieren faktisch, dass ein Klang und der Raum dieses Klangs effektiv voneinander ge- trennt, aus ihrer akustischen Situation extrahiert und anderswo neu kombi- niert werden können. Nach dieser Logik ist ein Niesen ›an sich‹ immer der gleiche isolierte Klang – in den Gewölben einer modernen Bibliothek, in den Dünen eines Strands oder auf der sehr kurzen Strecke zwischen Kopfhörern und Gehörgang. Aus der Perspektive der Tontechnik ändert sich dabei ledig- lich, wie diese Räume die Wahrnehmung des Niesens modulieren. Für einen Toningenieur mag dies eine attraktive Einstellung sein: Wenn Nieser onto- logische Objekte sind, die getrennt von ihrer Erkenntnis in einem Wahrneh- mungs-Raum existieren, dann würde eine unabhängige Verbindung zwischen beiden es Algorithmen erlauben, die Wahrnehmung des Klangraums bei der Wiedergabe zu manipulieren. Lass einen beliebigen Klang durch einen Filter laufen und schon klingt es so, als käme der Klang aus einer völlig anderen Räumlichkeit. Solche Algorithmen rekonstruieren also den hörbaren ›Raum‹, indem sie innerhalb einer Audio-Produktion ein Set zuvor festgelegter akus- tischer Charakteristika als Referenz nehmen. In dieser Hinsicht, bestätigt Sterne, produzieren Algorithmen die Repräsentation eines Klangraums, die sich aus, bestenfalls, unvollständigen Informationen über die Räumlichkeiten speist, die sie zu repräsentieren vorgibt. »Künstlicher Hall repräsentiert Raum und konstruiert ihn dabei gleichzeitig«, so Sterne (2015: 113). An dieser Stelle sollte ich unterstreichen, dass die symbolischen Katego- rien, die Techniker verhandeln, nicht getrennt von der Arbeit des Aushandelns tatsächlicher Signale existieren. Diese pragmatische Einstellung schützt uns vor dem Drang, mit Symbolen so umzugehen, als wären sie auf einer höheren Ebene angesiedelt als ihr physikalischer Ausdruck. In diesem Sinn warnt die
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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