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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Joseph Klett156 anderen Zuhörern, die diese Situationen in akustischen Bezügen zu uns mit- konstruieren. Wenn wir die materiellen und symbolischen Dimensionen vermittelten Hörens wirklich erfassen wollen, sollten wir uns das Zuhören nicht als binäre (ein/aus) Praxis vorstellen, sondern eher als eine kontinuierliche Beziehung zu Klang im Raum. Zu diesem Zweck argumentierte Tia DeNora (2000), dass Audio ein »Grundgerüst« (scaffolding) bereitstellt, in das das Selbst eingeklinkt werden kann und wodurch es gestützt wird, auf dem ein Handelnder aktiv an Rhythmen angekoppelt und affektiv von Klängen umgestimmt werden kann; Befragte berichten über die Nutzung von Audio im Alltag als pragmatische Technik und als Quelle der Selbsterkenntnis. Gordon Waitt, Ella Ryan und Carol Farbotko (2014) nennen dies die »Bauch-Politik« des Klangs: Die prak- tische Erfahrung eines Diskurses durch Klang (in ihrem Beispiel auf einem Demonstrationszug gegen den Klimawandel) liefert eine Resonanz zwischen Bedeutung und Schall. Und obwohl die meisten Hörerfahrungen sich auf Musikstücke beziehen, die Hörer aktiv auswählen, fand Mack Hagood (2011) heraus, dass die Hörer sich dabei gleichzeitig auch dafür entscheiden, die Um- gebungsgeräusche außerhalb ihrer Audio-Geräte zu unterdrücken. Im Fall von Geräuschunterdrückungstechnologien gehört zu den Umgebungsgeräuschen eben auch der invertierte ›noise‹ dazu, der als verworfenes Störsignal entsteht, um das herum Hörer sich weiter in ihre persönlichen Klanglandschaften zu- rückziehen. Diese eher pragmatisch orientierten Untersuchungen zeigen, dass Wahrnehmung in zwei Richtungen funktioniert: Die Fokussierung der auditiven Aufmerksamkeit hat notwendigerweise das Ausblenden anderer wahrnehmbarer Informationen in der Umgebung zur Folge. Das gesellschaftliche Leben ist eine Bibliothek von Darbietungen, nach Genres organisiert, und Wahrnehmung ist von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, diese Genres zu erkennen. In diesem Sinn betreffen Hörbeziehungen unmittelbar, was Ari Adut (2012) einen »allgemeinen Sin- neszugang« zu einem gemeinsamen Satz an Erfahrungen genannt hat. Unse- re phänomenale Erfahrung qualitativer Information hängt davon ab, dass Wahrnehmung innig mit Erkenntnis verknüpft, nicht ihr untergeordnet ist (McDonnell 2010; Martin 2011; Klett 2014). Dies bedeutet, dass ich in direk- ten und unmediatisierten Begegnungen vielleicht neue Wahrnehmungsge- wohnheiten entwickle, die sich mit meinen Denkgewohnheiten in Einklang bringen wollen. Je mehr eine Gewohnheit zur Routine wird, desto eher wird sie meine Wahrnehmung diktieren. Aber wenn ich einer persönlichen Audio- Technologie lausche, werde ich perzeptuell individuiert, nicht sozial. Wenn wir Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung benutzen, leuchtet für andere sozusagen eine rote Lampe auf, die signalisiert, dass wir trotz physischer An- wesenheit für andere nicht zugänglich sind. Und doch bin ich anderen gegen- über immer noch für meine Anwesenheit und mein Verhalten verantwortlich
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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