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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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6. ›Ver-rückt‹ durch einen Algorithmus 161 Kontext des Hörers (Klett 2014). Immersive Audio stellt gleichzeitig Figur und Grund zu Verfügung, da beides zum räumlichen Hören dazu gehört – wenn- gleich diese grundsätzlich subjektive Hörerfahrung den Technikern ungefäh- re Entscheidungen abverlangt, wo näherungsweise die Erfahrung einer ande- ren Person anfängt und wo sie endet. Desorientierung Audiotechnologie funktioniert mittels der Übertragung von Elektrizität in hörbare Schwingungen eines Zwerchfells oder einer Lautsprechermembrane. Deshalb hat man sich bisher den Lautsprecher, also die Stelle, wo sich System und Nutzer berühren, meist als statisches Gestell vorgestellt, in dem Audio- Sound faktisch mündet. Ingenieure der Stereo-Ära kodifizierten den Lautspre- cher als objektiven Ausdruck von Audio und den Hörer als das Subjekt, das diesen objektiven Ausdruck aufsucht. Aber die Orientierung eines subjektiven Hörers an einer objektiven Klangquelle verhindert ein wirkliches Eintauchen in den Klang, eine wirklich immersive Hörerfahrung, in der Sound im Ohr des Hörers mündet. Daher kodieren die Techniker von Mantle R&D den Lautspre- cher um, machen ihn eher zur Vermittlungsinstanz als zu einem objektiven Orientierungspunkt. Darum geht es beim Prozess der Desorientierung. Die Kunsthistorikerin Caroline Jones (2005) bezeichnete »Hi-Fi« Stereo- Anlagen als Gipfel des Sounds der Moderne: Stereo ist statisch, zweidimensio- nal und idealerweise direkt vor dem Hörer – wo sich in der Sprache der Stereo- verkäufer der »sweet-spot« befindet. Stereo ist ein »kanal-basiertes« Format in dem Sinne, dass Stereo-Signale in einem einzelnen Kreislauf, der im Laut- sprecher endet, eingefangen, gespeichert und wiedergegeben werden. Man geht von einer stabilen, direkten und unveränderten Wiedergabe von Sound- Daten aus. Von der Aufnahme bis zur Wiedergabe geht der rechte Kanal in den rechten Kanal und der linke Kanal in den linken Kanal. Dass im Diskurs von Stereo der Sound fest mit einem Paar Lautsprecher verdrahtet ist, bedeutet, dass Audio in erster Linie nach modernen Wertmaßstäben der Objektivität be- urteilt wird, von einem stabilen und unbeweglichen Standpunkt aus, der im- mer außerhalb des zu beurteilenden Systems liegt. Weil das System beurteilt wird, als befände es sich in einem Vakuum, ist die kanalbasierte Beziehung letztlich eine Beziehung des Aufeinanderfolgens, nicht des Raumes. Um es in den Worten eines Ingenieurs von R&D auszudrücken: Es war schwer, die Weisheit des modernen Stereoformats infrage zu stellen, weil die biologische Assoziation von Stereo mit zwei-ohrigem Hören die Idee, dass zwei Kanäle die optimale Wiedergabeweise seien, quasi als naturgegeben vermittelt hat. In der Psychoakustik beschreibt HRTF jedoch eine Beziehung zwischen Tönen in Zeit und im Raum. Zum Beispiel können wir in kakophonen Situa- tionen den Klang einer Stimme ›unter‹ oder ›zwischen‹ vielen anderen heraus-
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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