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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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6. ›Ver-rückt‹ durch einen Algorithmus 167 Studierende der Sound Studies ermuntern Theoretiker dazu, Audio nicht als eine alternative Wirklichkeit, sondern als eine alltägliche kulturelle Praxis zu verstehen. Es gibt wenig Tabus, was die Benutzung von Audio in gesellschaft- lichen Räumen betrifft. Selbst Gruppenaktivitäten mit Familie und Freunden schließen die Benutzung von Kopfhörern nicht aus. So steht es in der heutigen algorithmischen Kultur um die Hörbeziehungen. Wie Brandon LaBelle (2006) argumentiert: Hörbeziehungen sind irreduzibel und unwandelbar – aber sie sind verpflanzbar. Das phänomenale Wesen des Klangs macht unser Gefühl aus, einen Raum in der Zeit innezuhaben. Indem wir diese Elemente manipu- lieren, können wir vielleicht auch die sozialen Beziehungen zwischen denen, die an bestimmte Technologien gewöhnt sind, und jenen, die andere Gewohn- heiten haben, umgestalten. Algorithmen sind wie alle Technologien Einschreibungen sozialer Bezie- hungen. Statt die Medien der Algorithmen aus der Ferne zu lesen, schaue ich mir an, wie sie bei der Arbeit der Tontechnik gelesen, geschrieben und um- geschrieben werden. Diese sehr sinnliche Praxis enthüllt, wie die mechanisti- schen Prozeduren von Immersive Audio in der kontingenten, aber wertbesetz- ten Arbeit einer kleinen Gruppe von Individuen ihren Anfang nehmen. Die Toningenieure benutzen Algorithmen nicht nur, um die dynamischen Effekte spezifischer akustischer Bedingungen zu repräsentieren, sondern auch, um den Beziehungseffekt dessen, was es heißt, als individueller Körper mit einzig- artigen Eigenschaften einen Raum einzunehmen, zu reproduzieren. Durch die Vermittlung von Personalisierung, Desorientierung und Translozierung lenkt Immersive Audio die Wahrnehmung von Hörern von realen Situationen weg. Statt einen generischen Hörraum für alle Hörer zu betreffen, verarbeitet Immersive Audio Subjektivität in unabhängiger Beziehung zu einem nicht-loka- len Raum. Das ›Objekt‹ von Immersive Audio ist dann wesenhaft subjektiv und doch stets der Perspektive der Toningenieure zugeneigt. Ohne etwas zu den sozioökonomischen Ungleichheiten, die den Zugang zu Audiotechnologie umgeben, zu sagen, argumentiere ich, dass ›Ver-Rückung‹ unser Verständnis von ›Wir-heit‹ in sozialen Situationen infrage stellt. Sinn- liche Erfahrung ist in dem Maße bedeutungsvoll, in dem sie teilbar ist (Adut 2012), und Audio fungiert als »kultureller Filter« (Blesser/Salter 2006), der bestimmte Erfahrungen blockiert, andere favorisiert. Die Algorithmen von Immersive Audio repräsentieren eher persönliche Unterschiede als eine geteilte Erfahrung gemeinsamer Phänomene. Wenn diese kulturellen Filter robuster werden, verliert die unmittelbare Erfahrung lokaler Interaktionen an Macht, die Situation zu definieren. Ver-rückte Hörer durchlaufen so eine doppelte Pri- vatisierung: eine objektive Isolierung, indem sie die Kopfhörer auf die Ohren pressen, und eine subjektive Isolierung, indem sie maßangefertigte Klänge interpretieren.
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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