Seite - 168 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Joseph
Klett168
Durch die Mediationen von Immersive Audio wird die Fähigkeit des Sub-
jekts, gemeinhin Klangeigenschaften zu definieren und zu unterscheiden
– geschweige denn zu bewerten – durch Personalisierung rekonstruiert und
wirkt stattdessen auf den Hörer als Objekt zurück, um die Hörsituation um-
zudefinieren. Das soll nicht heißen, dass Leute durch die Empfindungen von
Immersive Audio verwirrt oder irregeleitet werden. Eher ermutigt diese Techno-
logie Menschen dazu, aus unmittelbaren Erfahrungen auszusteigen und sich
auf höhere Ebenen individueller Unterschiede zu begeben. Dies schafft neue
Herausforderungen für politische Anerkennung in komplexen und stratifizier-
ten Gesellschaften, wo Menschen sich kognitiv aus den Situationen, in denen
sie sich befinden, »ausklinken« (Beer 2007: 858).
Angesichts der ungleichmäßigen Verteilung von Geräuschbelastung in
Gesellschaften und der wachsenden Märkte für digitale Audio-Produkte, wird
Stille rasch zu einem Luxusgut in städtischer Umgebung (Keizer 2010; Ha-
good 2011; Stewart/Bronzaft 2011; Biguenet 2015). Aber in diesem Fall heißt
›Stille‹ nicht Ruhe ›da draußen‹, sondern bedeutet eher Kontrolle über das
eigene Hören ›hier drin‹. Zum Beispiel ist das HERE Active Listening ein Ge-
rät im Ohr, das in Verbindung mit einem Smartphone Schallverarbeitung in
Echtzeit anbietet. Das Gerät verfügt über einen Equalizer und eine Reihe von
Preset-Filtern, mit denen der Nutzer die eigene Erfahrung von Live-Musik »ku-
ratieren« kann (www.hereplus.me). Als eine Art von Kontrolle durch Klassifi-
zierung suggeriert »Kuration«, dass Individuen aus einer festgelegten Menge
von Eigenschaften ihre Auswahl treffen. Das ist für die kulturwissenschaftli-
che Forschung zu Algorithmen interessant, aber nicht wegen dem »Suchen Sie
sich was aus«-Teil. Eher verspricht die fest umrissene Menge an Eigenschaften die
größte theoretische Zugkraft.
Gewahrwerden und Erkennen von, Verantwortlichkeit für Situationen –
hier fordern Algorithmen unsere Vorstellungen von Technologie als Episte-
mologie heraus. In der praktischen Anwendung von Immersive Audio sind wir
mit einem Überschuss an Objekten auf Kosten immer weniger Subjekte kon-
frontiert. Solch ein Zustand an Hörbeziehungen kann unsere darauffolgenden
Zustände des In-der-Welt-Seins beeinflussen. Ohne nun über den affektiven
Stand der Empathie bei Generationen von ›ver-rückten‹ Hörern spekulieren
zu wollen, können wir die grundlegende Neuorganisation der Hörbeziehun-
gen würdigen, die in den Verfahren von Immersive Audio auftritt. Selbst wenn
wir keinen Mangel an Empathie innerhalb der Gesellschaft erfahren, bleibt da
immer noch das eher praktische Problem des Verlusts an Fürsorge. Und Für-
sorge oder Zuwendung ist ein Test, dem wir unsere Algorithmen unterziehen
können.
In ihrem Buch Reclaiming Conversation fordert Sherry Turkle (2015) eine
neue Ebene zwischenmenschlicher Verantwortung bei der Herstellung von
Technologien. Insbesondere empfiehlt sie, dass das interaktive Design digita-
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik