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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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7. Algorhythmische Ökosysteme 175 Das Gleichheitszeichen wird von K. Zuse ersetzt durch das sogenannte Er- gibt-Zeichen ⇒, das fordert, dass die links stehenden Werte wie angegeben zu einem neuen Wert berechnet werden sollen und so benannt, wie auf der rechten Seite angegeben (im Unterschied zu a+b=c, das aus der Sicht algorith- mischer Notation nur eine Aussage wäre) (Rutishauser 1956: 28). Auch Donald E. Knuth (*1938), Software-Historiker und selbst ein Pionier im algorithmischen Denken einer etwas jüngeren Generation, bemerkte, dass die systematische Verwendung solcher Operationen eine klare Verschiebung zwischen »computerwissenschaftlichem Denken und mathematischem Den- ken« bedeutete (Knuth/Pardo 1980: 206). In diesem Sinne erscheint der Neologismus von ›Algorhythmus‹ (mit einem ›y‹ geschrieben wie in ›Rhythmus‹) vielleicht redundant. Sein Potential beschränkt sich jedoch nicht darauf, den zeitbasierten Charakter des Rechnens herauszustellen, sondern unterstreicht auch die Verbindung vom Rechnen zur Signalverarbeitung und so zu den Rhythmen der »SpaceTimeMatterings«, ein Begriff, den ich von der feministischen Theoretikerin und Quantenphysikerin Karen Barad entliehen habe (2014: 168). Maschinen sprechen nicht nur mit- einander und beobachten sich gegenseitig, sondern – technologisch präziser formuliert – sie horchen aufeinander und entdecken die Signale der anderen und deren Rhythmen (Miyazaki 2015). Die problematische Beziehung der Algorithmen zur Wirklichkeit wird ver- mittelt durch Signale aus meist elektromagnetischen Wellen via Kabel, Luft oder einem anderen Medium. Die Probleme manifestieren sich meistens bei Transduktionsübergängen des Mathematischen oder des Abstrakten in eines der vielen physischen Medien wie Akustik, Optik oder Elektromagnetik. Das Tempo algorithmischer Prozesse, z.B. beim Algo Trading1, hängt nicht nur von der Länge der Datenkabel ab, sondern seit Ende 2010 auch von kabellosen Ver- bindungen, die mittels Richtfunktürmen zwischen den Quellen der Echtzeit- Daten der Finanzmärkte, etwa der New York Stock Exchange oder der Chicago Mercantile Exchange, aufrechterhalten werden. Diese Tendenz beweist, dass Algorithmen Physik brauchen und noch immer auf Energieübertragungen an- gewiesen sind, selbst da, wo sie auf der Mikro- oder Nano-Ebene operieren. Nichtsdestotrotz vollzieht sich algorhythmische Aktivität meist unsicht- bar, nahtlos und unbemerkt und tritt nur hervor, wenn die Operationen un- erwünschte, unvorhergesehene, pathologische Effekte zeitigen. Kleine Pro- grammierungsfehler, minimale Inkompatibilitäten oder schlampig geplantes und gestaltetes Timing kann zu Zusammenbrüchen führen. Es ist sehr schwierig, Algorithmen zu programmieren, die solche Ausfälle und Zusam- menbrüche vermeiden können. Es bedarf großer Sorgfalt, besonders wenn die 1 | Algorithmischer Handel bzw. automatischer Handel von Wertpapieren durch Com- puterprogramme (A.d.Ü.).
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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