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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Shintaro Miyazaki176 algorhythmischen Prozesse rekursiv verflochten sind oder einen Rückkopp- lungskreis generieren. Im Anschluss an das Werk des französischen Episte- mologen Georges Canguilhem (1904-1995) wird hier Pathologie definiert als Abweichung vom Normalen, von einem Zustand des Gleichgewichts, mit der das System aufgrund äußerer Einflüsse aus der Umgebung konfrontiert ist (Canguilhem 1991: 269). Sowohl lebende Organismen als auch »techno-öko- nomische Gruppen« (Canguilhem 1991: 284) – von mir algorhythmische Öko- systeme genannt – können infolge von »falschem Rhythmus« »Mikromons- trositäten« an den Tag legen (Canguilhem 1991: 276). Aufgrund der Physik der Telekommunikation sind solche Mikroaussetzer nicht unmittelbar greif- bar und bleiben oft unbemerkt, bis sie konkrete, meist wirtschaftliche, Aus- wirkungen hervorrufen. Die folgenden Abschnitte bieten kurze historische Untersuchungen zu einigen wichtigen Aspekten von Situationen aus der Zeit zwischen den 1960er und den späten 1990er Jahren, in denen kapitalistische Werte mit medientechnologischen Umgebungen verkoppelt wurden. Verteilte dysfunKtionalität Als algorithmisches Denken, höhere Programmiersprachen und Operations- systeme in den frühen 1960er Jahren aufkamen, begannen bald auch die ersten Experimente mit Datennetzwerken, gemeinsamer Nutzung von Spei- chern sowie verteiltem Rechnen und verteilten Netzwerken. Von den ersten Anfängen der Datenkommunikation über Computernetzwerke an tauchten in Zusammenhang mit der Speicherplatzzuweisung sogenannte deadlocks (Ver- klemmungen) oder lockups (Einfrieren) auf. Das waren die ersten Fälle von algorhythmischen Ökosystemen, die sich in Feedback-Schleifen aufhängen. Terminierungsfehler bei der gemeinsamen Nutzung von Speicherplatz tra- ten zum Beispiel auf, wenn kollidierende Aufgaben darauf warteten, dass die jeweils andere Speicherplatz freigeben würde (Coffman u.a. 1971: 70). Solche einfachen Fehler ließen sich durch vorausschauende Speicherzuteilung und besser entworfene Abläufe vermeiden, aber nicht vorhersehen, bevor sie das erste Mal eintraten. Diese anfangs harmlosen Computerstörungen entwickel- ten Eigendynamiken, wenn größere Netzwerke miteinbezogen wurden. Bei Inbetriebnahme in den späten 1960er Jahren war ARPAnet der erste Versuch, ein gewaltiges Computernetzwerk zu errichten, das bald geopoliti- sche Maßstäbe annahm. Es war die erste »Demonstration der Machbarkeit von Datenpaketvermittlung in großem Maßstab« (Abbate 1999: 7). Wie in allen folgenden Systemen verteilter Vernetzung wurde im ARPAnet eine Botschaft in kleinere Datenpakete aufgeteilt, die dann individuell über das Netzwerk zu ihrem Bestimmungsort gesendet wurden. Wenn die Topologie – d.h. die Struk- tur – des Netzwerks sich aufgrund einer Störung oder Unterbrechung irgend-
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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