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7. Algorhythmische Ökosysteme 177
wo auf dem Weg verändert, können die Pakete Alternativrouten einschlagen.
Am Ziel angekommen werden sie wieder in der richtigen Reihenfolge zusam-
mengesetzt. In diesem algorhythmischen Ökosystem begann die allmähliche
Herausbildung verteilter Zusammenbrüche.
In den 1960er und 1970er Jahren machten zu Ökonomen mutierte Elektro-
und Computeringenieure wie Jay Forrester (*1918) System Dynamics populär.
Dieser neue Ansatz und Forschungszweig erwuchs aus dem von Norbert Wie-
ner (1894-1964) begründeten Feld der Kybernetik und zielte darauf ab, abstrak-
te Modelle aller Arten von Systemen zu schaffen – von Lieferkettennetzwerken,
Industriesystemen, Stadtgesellschaften, selbst der ganzen Erde – indem er die
wesentlichen Prozesse in positive und negative Feedback Loops (Rückkopp-
lungsschleifen) zerlegte. Das waren die ersten Versuche, alle menschlichen
Vorgänge zu rationalisieren und zu vermessen, ein Widerhall der aufkommen-
den Ideologie des Spätkapitalismus und Neoliberalismus. Die Bewertung von
allem beginnt mit Vermessung. Zur gleichen Zeit erforschte Thomas Schel-
ling (*1921) die Auswirkungen von Mikroverhalten in Stadtgemeinschaften
und analysierte insbesondere, wie kleine, unbeabsichtigte Entscheidungen so-
ziale Auswirkungen verursachen können wie z.B. die Segregation von Ethnizi-
täten (Vehlken 2015). Ironischerweise waren solche Effekte komplexer verteil-
ter Wirksamkeit bereits im Feld verteilter Netzwerke beobachtet und behandelt
worden. Die rigide programmierte Mikrooperativität einzelner Netzwerkcom-
puter und -knoten im ARPAnet – man nannte sie Interface Message Processors
(IMP) – hatte Auswirkungen auf das Makroverhalten des ganzen algorhyth-
mischen Ökosystems. Lokale Fehler konnten »globale Konsequenzen« haben
(McQuillan u.a. 1978: 1805).
Leonard Kleinrock (*1934) war einer der ersten Forscher, die sich mit der
Komplexität verteilter Netzwerke auseinandersetzen mussten. Nach zehn Jah-
ren Forschung bemerkte er 1978, dass der Nachfrageprozess nicht nur »stoß-
weise« war, er war auch »hochgradig unvorhersehbar«. Sowohl das exakte
Timing als auch die Dauer von Netzwerknachfragen war »im Voraus unbe-
kannt« (Kleinrock 1978: 1321). Kleinrock erkannte, dass die probabilistischen
Komplexitäten verteilter Netzwerke »äußerst schwierig« sind und dass eine
effektive »Datenflusssteuerung« innerhalb des Netzwerks ein wichtiges Erfor-
dernis war, das man anfangs unterschätzt und ignoriert hatte (Kleinrock 1978:
1322). Solche Flusskontrollmechanismen hätten viele Blockierungsphänomene
verhindern können wie etwa »reassemby lockup« (Verklemmung beim Wie-
derzusammensetzen der Pakete), »store and forward deadlock« (Teilstrecken-
verfahrensverklemmung), »Christmas lockup«2 und »piggyback lockup« (Hu-
ckepack-Verklemmung) (Kleinrock 1978: 1324). Aber selbst die raffiniertesten
2 | Eine Verklemmung in einem Subnet, die am 21.12.1973 eintrat (A.d.Ü.).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik