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Shintaro
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algorithmischen Verfahren konnten neue Ausfälle nicht verhindern. Fehler-
suche war ein Teil der Forschung und eröffnete Chancen zur Optimierung.
Ein Programm namens »Creeper« (Schantz 2006: 74), erschaffen 1971 von
Robert H. Thomas von Bolt, Beranek and Newman, einer Firma, die einen be-
deutenden Teil der technischen Infrastruktur für das frühe ARPAnet bereit-
stellte, erlaubt Einsicht in weitere Aspekte verteilter Dysfunktionalität in algor-
hythmischen Ökosystemen:
»Creeper ist ein Demo-Programm, das innerhalb des ARPA-Netzwerks von Computer
zu Computer migrieren kann, wobei es eine einfache Aufgabe vorführt. Es demonst-
rierte die Möglichkeit, ein laufendes Programm und seine Ausführungsumgebung (z.B.
Dateien öffnen usw.) von einem Computer zum anderen zu übersiedeln, ohne dass die
Ausführung der Aufgabe beeinträchtigt wurde. Creeper führte zu der Idee, dass Prozes-
se unabhängig von einem bestimmten Gerät existieren könnten.« (Sutherland/Thomas
1974: 23)
Creeper war eines der ersten Computerviren, im Gewand eines Demo- und
Dienstprogramms, das sich innerhalb seines eigenen Ökosystems verteilter
Netzwerke replizieren und übertragen konnte. Creeper war eine Art algorhyth-
mischer Organismus. Ähnliche Experimente wurden in den späten 1970er
Jahren von John F. Shoch und Jon A. Hupp vom Xerox Palo Alto Research Cen-
ter durchgeführt (Parikka 2007: 241). Shoch und Hupp experimentierten mit
»Multimaschinen-Würmern«, wie sie sie nannten (1982: 173). Sie program-
mierten spielerisch algorhythmische Agenten, später »Xerox Parc Worms«
genannt, die in den befallenen Computern Botschaften zeigten, Bilder luden
oder als Wecker fungierten. Es handelte sich dabei um Computerprogramme,
die aus mehreren Algorithmen bestanden und sich über ein Netzwerk von
Computern verteilten; sie konnten programmierte Operationen, in denen alle
Teile zusammenarbeiteten, algorhythmisch orchestrieren. Wie ihre Vorgänger
wurden die Programmierer rasch mit dem unerwarteten, autonomen und pa-
thologischen Verhalten, das ihre Algorithmen entwickelten, konfrontiert.
»Früh gerieten wir bei unseren Experimenten in eine ziemlich verwirrende Situation.
Eines Nachts hatten wir einen kleinen Wurm laufen lassen, nur um den Arbeitskontroll-
mechanismus auszuführen und auch nur auf einer kleinen Zahl von Geräten. Als wir am
nächsten Morgen zurückkehrten, waren dutzende von Computern tot, anscheinend ab-
gestürzt.« (Shoch/Hupp 1982: 175)
Um solche Zwischenfälle zu vermeiden, bauten sie eine Funktion ein, die die
Aktivität des Wurms stoppen konnte – »einen Notausgang« (Shoch/Hupp
1982: 176).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik