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7. Algorhythmische Ökosysteme 181
Neoliberales Denken und Handeln zielt nach der Definition des Soziologen
und Anthropologen David Harvey (*1935) nicht nur auf die Maximierung der
Reichweite und Geschwindigkeit von Übertragungen und Handlungen eines
Marktes ab, sondern strebt auch danach,
»jedes menschliche Handeln unter die Domäne des Marktes zu bringen. Dies erfordert
Techniken der Informationserschaffung und Kapazitäten für Ansammlung, Lagerung,
Transport, Analyse und Nutzung riesiger Datenbestände zur Steuerung von Entschei-
dungen auf dem globalen Markt. Hierher rührt das glühende Interesse an und Streben
nach Informationstechnologien im Neoliberalismus.« (Harvey 2007: 3)
Nicht nur Privatisierung, Kommodifizierung und Finanzmarkt-Kapitalismus
sind Schlüsselcharakteristika des Neoliberalismus, sondern auch »das Manage-
ment und die Manipulation von Krisen« (Harvey 2007: 160-162). Des Weiteren
gibt es, wie die Gesellschaftsaktivistin und Autorin Naomi Klein (*1970) kont-
rovers behauptet, unbestreitbar Zusammenhänge zwischen Milton Friedmans
einflussreichen Wirtschaftstheorien des freien Marktes, genauer gesagt: dem
Glauben an Laissez-faire-Regierungspolitik, und vielen krisenhaften Ereignis-
sen der Weltpolitik (Klein 2008). Führt man sich die Dominanz von Friedmans
Wirtschaftstheorie und der Chicago School of Economics vor Augen, kommt es
daher nicht von ungefähr, dass sich nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch
Volkswirtschaften allgemein mit Katastrophen und platzenden ökonomischen
Blasen konfrontiert sehen. Diese ökonomischen Zusammenbrüche sind Aus-
wirkungen beschleunigter positiver Rückkopplungskreisläufe, die aufgrund
von Deregulierung entstanden. Im neoliberalen Denken ist die Kontrolle der
zahlreichen Feedback Loops eines Markts nicht gewünscht. Wünschenswert ist
finanzielle Liquidität und nötig ist ein makelloser Fluss von Daten. Kontroll-
mechanismen und Möglichkeiten zur Regulierung von Rückkopplungspro-
zessen werden folglich absichtlich weggelassen. Da die Algorithmuskulturen
neoliberaler Gesellschaften daraufhin programmiert werden, dass sie unter
erzwungenen Bedingungen beschleunigten »Wettbewerbs« (Davies 2014: 39)
operieren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass derartig komplizierte und hoch-
gradig verkoppelte Ökosysteme zusammenbrechen. Diese Abstürze, Krisen
und Zusammenbrüche sind Effekte der neoliberalen Kopplungen von verteil-
ten Netzwerken an Kapitalwerte, was zu ökonomischer Pathogenese führt.
Unter Verwendung eines Modells des renommierten Finanzwissenschaft-
lers Hyun-Song Shin (*1959) vergleicht der deutsche Kulturtheoretiker Joseph
Vogl (*1957) die sich selbst verstärkenden Feedback-Schaltkreise der Finanz-
märkte mit dem sogenannten Millennium Bridge-Problem, wo »winzige, will-
kürliche Oszillationen« zuerst eine unwahrnehmbare Synchronisierung der
Fußgängerschritte erzeugten, die dann über positive Rückkopplung zu syn-
chronisierten Gleichschrittsbewegungen und gefährlichen Schwingungen
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik