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8. Drohnen: zur Materialisierung von Algorithmen 193
schinenbasierte künstliche Intelligenz zu deuten ist, sondern vielmehr als eine
distinkte Interaktions- und Kommunikationspraxis, die indexikale Interaktion
in weiträumig zerdehnten Situationen ermöglicht. Insofern sind Algorith-
men als eine Unterform allgemeiner performativer Praktiken zu verstehen,
zu denen u.a. Rituale, Narrative und andere symbolische Handlungen zählen
(Alexander 2006a). Wie Performanzen im Allgemeinen, prä-formieren Algo-
rithmen interaktive Handlungsketten.
Tarleton Gillespie (2014) weist darauf hin, dass Algorithmen öffentliche
Relevanzstrukturen prägen, politische Akteure und Sichtweisen durch Indi-
zierung in einer Debatte inkludieren oder exkludieren, Aufmerksamkeitszy-
klen vorhersagen, Objektivität und Neutralität suggerieren und Politik durch
Adaption an die Relevanzstrukturen prägen. Des weiteren sind sie am »digi-
talen Strukturwandel der Öffentlichkeit« beteiligt (Thiel 2016: 7) und präsen-
tieren der Öffentlichkeit ein quantifiziertes Bild von sich selbst. Diese Liste
zeigt, dass Algorithmen nicht einfach nur Daten produzieren, selektieren oder
aggregieren, sondern auch kulturelle Identitäten und imaginäre Bedeutungs-
formationen generieren. Ähnlich wie analoge Symbolketten, narrative My-
then und rituelle Performanzen, generieren Algorithmen also auch kollektive
Selbstbilder, organisieren Erfahrungen, bewerten Realitäten und kreieren so-
ziale Beziehungen.
Doch was ist nun das Distinkte der Algorithmen? In mathematischen und
informationswissenschaftlichen Abhandlungen werden Algorithmen sehr all-
gemein als »Prozedur«, eine »Methode« oder eine Liste von »Instruktionen«
zur »Problemlösung« bezeichnet (Simonson 2011: 93). Dieses Verständnis von
Algorithmen beschränkt sich nicht rein auf mathematische Kontexte oder auf
ihre Funktion als lesefähige »Papiermaschinen« in der Geschichte des »Com-
puting« (Heintz 1993: 63ff). Vielmehr umfasst das Konzept ein gesamtes Spek-
trum an interaktiven Methoden und Prozeduren zur Lösung spezifischer Pro-
blemstellungen. Ob analoge oder digitale Methoden verwendet werden und
welchen Präskriptionen gefolgt wird ist genauso wenig apriori festgelegt, wie
die Verwendung einer bestimmten Programmiersprache (Anderson 2013).
Insgesamt sind Algorithmen also weder auf Informationstechnologien
oder Online-Praktiken beschränkt, noch sind sie reduzierbar auf Program-
miersprachen oder Maschinenlesbarkeiten. Gemeinsam ist den verschiedens-
ten algorithmischen Ausprägungen vielmehr, eine spezifische Praxis von Pro-
blemlösungswegen aufzuzeigen. Die Lösungswege können mathematische,
digitale oder technologische Prozesse beinhalten, müssen es aber nicht not-
wendiger Weise. Auch wenn dieses Verständnis theoretisch häufiger hervor-
gehoben worden ist (Vöcking 2011; Gillespie 2014: 1), fehlen bisher konkrete,
an empirischen Fallgeschichten orientierte Konzeptualisierungen. Eine solche
Konzeptualisierung enthält der folgende Abschnitt.
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik