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8. Drohnen: zur Materialisierung von Algorithmen 195
Übertragen auf die Funksituation auf See bedeutet diese, dass, wenn ein
Sprecher ›Mayday‹ funkt und mehrere Empfänger wissen, dass diesen Funk-
spruch mehrere Empfänger hören können, dass sie nicht antworten, weil ja
auch jemand anders antworten könnte. Die Funkalgorithmen lösen dieses
Problem, indem sie stets vorschreiben, wer wie und wann antworten muss
und wer nur zuhören muss.3 Verantwortungsübernahme ist situationsadäquat
organisier- und adressierbar, trotz fehlender deiktischer Interaktionsmöglich-
keit der beteiligten Akteure. Situationsdefinitionen leiten die Interaktionssi-
tuation ein und bestimmen den jeweiligen Algorithmus, nach dem sich alle
richten müssen. Situationen können als Notlage (›Mayday‹), als Gefahrenlage
(PanPan) oder als Sicherheitsinformation (›Sécurité‹) definiert werden. An-
schließend werden der Name des Schiffes, Personen an Bord, die Position, das
inhaltliche Problem was es zu lösen gilt, und welche Art der Hilfe zur Prob-
lemlösung benötigt wird.
Diese analogen Funkalgorithmen stellen eine kommunikative Infrastruk-
tur bereit, die ähnlich wie deiktische Gesten unter verschiedenen Akteuren
Verantwortlichkeiten zuschreibt, und Verständigungskosten zeitlich mini-
miert. Obwohl sich die Interaktanten nicht sehen können und sich nicht ken-
nen, wird algorithmisch eine individuelle indexikale Interaktion ermöglicht.
Dieses analoge algorithmische Verfahren erlaubt individuelle bilaterale Kom-
munikation genauso wie multilaterale Kommunikation von einem Sender zu
allen Empfängern in Reichweite. Die Digitalisierung dieser Funkalgorithmen
verwenden später Computer und das World Wide Web mit Protokollen und
IP Adressen, die ebenfalls bilaterale oder multilaterale Interaktionen ermög-
lichen. Funkalgorithmen nehmen interaktionslogisch also das World Wide
Web vorweg. Die detaillierte Adressierung der Sprecher und Kodifizierung
der Empfängerreaktionen je nach Situationsdefinition vermindert die Gefahr
diffuser Verantwortlichkeiten. Ein Algorithmus bestimmt den nächsten und
kreiert damit eine intersubjektive Situation die ohne deiktische Unterstützung
auskommt.
Diese algorithmische koordinierte Kommunikation könnte an Herbert
Blumers ›symbolische Interaktion‹ erinnern (Blumer 1969). Allerdings hat
sich Blumer nicht für die Lösung des Problems diffuser Verantwortlichkeiten
interessiert, sondern für die interaktive Generierung und wechselseitige Ver-
ständigung über Interpretationsmuster und Konventionen. Klassische analoge
Kommunikationsalgorithmen sind keine solche Interpretationsmuster und
Konventionen, vielmehr initiieren sie ein Netzwerk von Referenzen, durch das
die räumliche Reichweite von Interaktionssituationen erweiterbar wird. Diese
algorithmisch generierten Netzwerke sind nicht auf digitale Technologien an-
3 | Vgl. beispielsweise: www.transport.wa.gov.au/imarine/marine-radios.asp (zuletzt
aufgerufen am 11.12.2015)
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik