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9. Social Bots als algorithmische Piraten
und als Boten einer
techno-environmentalen Handlungskraft
Oliver Leistert
Wer sich dem komplexen Gegenstand der Social Bots unkritisch nähert, indem
das Social darin affirmiert wird, handelt sich eine Reihe von Problemen ein,
die aus den Umgebungen stammen, in denen zahlreiche dieser Bots heutzu-
tage zu hause sind: denn der Begriff »Soziale Medien« selbst ist umstritten,
wurde er doch vor allem mit einer kommerziellen, anstatt mit einer zunächst
unkodierten, offenen Sozialität verschaltet. Grundsätzlich ließen sich Social
Bots definieren als Entitäten, die »mit menschlichen Benutzern direkt mittels
Sprache in zwei Richtungen kommunizieren« (Graeff 2014: 2), während sie
dabei ›echte‹ Benutzer imitieren (Hingston 2012). Aber die Unterscheidung in
›echte‹ und ›nicht-so-echte‹ Benutzer erscheint dabei schon bald als eher naive
Differenzierung, wenn in Anschlag gebracht wird, dass die ›echten‹ Benut-
zer von kommerziellen Plattformen sozialer Medien am Ende doch nur deren
Kunden sind, z.B. Werbe- oder Überwachungsagenturen.
Das genannte Merkmal von natürlicher Sprachverarbeitung und -produk-
tion jedoch, wenn auch weiterhin eher rudimentär, taugt zur Qualifizierung
für Sozialität. Allerdings würde dies als Startpunkt einer Analyse von Social
Bots diese unweigerlich primär ins Register von Signifikationsregimen ein-
schreiben. Diese jedoch sind selbst durch Plattformen sozialer Medien bereits
gekapert und überkodiert worden (Langlois et al. 2015).
Dieser Beitrag nimmt deshalb einen anderen Weg, und versucht Bots aus
der Perspektive ihres Environments zu untersuchen, als Teil und Element
einer medien-technischen Umgebung. Gleichzeitig ist es notwendig, Bots
ins Verhältnis zur Logik des zeitgenössischen kapitalistischen Imperativs
der Datenextraktion und dem Kolonisieren jeglicher, noch so unbedeutender
Äußerungen von Benutzern auf den Plattformen zu setzen. Der Beitrag wird
deshalb argumentieren, dass Bots auf kommerziellen Plattformen (1) als ›na-
türliche Bewohner‹ dieser Plattformen zu verstehen sind, die die Logik dieser
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik