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9. Social Bots 221
geführt, sie identifizieren zu wollen, sie abzuschalten, oder auf andere Wei-
se einzufangen (z.B. indem ihre Aktivität selbst nur auf Bots gerichtet wird,
oder indem Anti-Bot Bots programmiert werden). Ein ganzer informatischer
Forschungsstrang versucht Bots zu programmieren, die Bots eliminieren,
was inzwischen zu einem intensiven Wettlauf zwischen Bot-Programmie-
rern und Antibot-Bot-Programmierern geführt hat (Wang 2010). Solch Wett-
kämpfe induzieren jedoch weitere Komplexität ins Bot-Milieu, denn es wird
immer schwieriger, Bots als klar umgrenzte Objekte zu erfassen. Bots können
inzwischen höchst flexibel programmiert sein, ihr Verhalten ändern, und so-
gar (maschinen-)lernen (Boshmaf et al. 2012), was wiederum zu weiteren An-
passungstechniken führt. Die Bot-Milieus selbst machen die Situation noch
komplizierter, durch ihre standardisierten Eingabemasken, dem Handling von
Strings z.B. bei der Sentiment Analyse, und den Datenbank-basierten Berech-
nungen von Relationen. Je mehr die Internetkultur eine Template-Kultur mit
standardisierten Schnittstellen geworden ist, umso einfacher ist die Simula-
tion von Agilität und Lebhaftigkeit, da deren Ausdrucksweisen im Netz stark
eingeschränkt und mutiert sind, um prozessierbar und korrelierbar zu sein.
Mit Verweis auf Baudrillard ließe sich sagen, dass die Simulation eben ihre
eigenen (Bot-)Kinder hervorbringt.
Auch die technische Beschreibung von Bots als halb- oder vollautomatische
Agenten sagt wenig über die Rolle aus, die sie in verdateten kapitalistischen
Umgebungen annehmen. Bots sind weit mehr als ihr Code (dies trifft auf jede
Software zu). Ihre Eleganz und Handlungsfähigkeit wird erst relevant, wenn
der Code in einer vernetzten Umgebung auch exekutiert wird. Man kann sich
Geiger nur anschließen, der schreibt, dass »Bots deutlich daran erinnern, dass
das, was Software ausmacht, nicht auf Code reduziert werden kann und nicht
von den Bedingungen geschieden werden kann, unter denen sie entwickelt
und deployed wird« (Geiger 2014, 246). Darum schlage ich weiter unten die
Figur des algorithmischen Piraten vor, denn damit lassen sich Bots innerhalb
einer politischen Ökonomie situieren, womit ein wichtiger neuer Layer in ihre
Analyse eingezogen wird, der gleichzeitig eine metaphorische und somit Be-
deutung produzierende Beschreibung für ansonsten asignifikante Maschinen
erlaubt.
Zur Beschreibung und Unterscheidung von Bots schlage ich vorläufig nur
zwei Kriterien vor: Zweck (oder Absicht) und Software. Zweck fragt nach dem
Ziel der Programmierung und versucht eine Untersuchung ihrer Performance
innerhalb und in Relation zum Bot-Milieu bereitzustellen. Software dient als
Kurzform ihrer technischen Implementierung, die, würde sie umfassender
ausfallen, notwendigerweise die Bibliotheken, technischen Standards, Netz-
werkkapazitäten, Programmiersprachen und die Server, auf denen sie laufen,
inklusive der Hardware, umfassen würde.
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik