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9. Social Bots 227
RIAA3. Die vielen Versuche einer technischen Lösung für ein Problem, das
letztlich ein Problem sozialer Gerechtigkeit ist, wie die Digitale Rechtever-
waltung (DRM), erinnern daran, dass digitale Kulturen unter anderen Prä-
missen laufen, als vergangene Regime. Wenn es stimmt, dass »die Macht der
Algorithmen von zunehmender Bedeutung der digitalen Rechteverwaltung
für Medienkonzerne ist« (Lash 2007: 71), dann kommt innerhalb digitaler
Milieus ohne Zweifel einer Reihe neuer Akteure und Aktanten Handlungs-
macht zu.
Um Ansprüche auf geistiges Eigentum durchzusetzen, wurde ein mächti-
ger und angsteinflößender Diskurs zur Piraterie etabliert, in dem Piraten dar-
gestellt werden »als die ultimative Verkörperung des Bösen. Dieses Böse kann
eine Reihe von Formen annehmen, vom Terrorismus und des kriminellen
Untergrunds, bis zum Verursacher des Untergangs der Unterhaltungsindust-
rie sowie von Steuerflucht« (Liang 2010, 356). Interessanterweise aber gilt zu-
gleich für diejenigen Akteure, »die versuchen, das Anwachsen von Regimen
geistigen Eigentums zu verhindern, und die öffentliche Domäne zu verteidi-
gen, dass sie die Figur des Piraten peinlich berührt ignorieren oder direkt ab-
lehnen« (Liang 2010: 356). Piraterie, so scheint es, ist bestimmt von einer Lo-
gik, die die wohl geordneten westlichen Konzepte von Eigentum und Legalität
transversal durchkreuzt, wie ein Trickster. Piraten werden aus diesem Grund
auch niemals ehrliche Verbündete der Anhänger von Gemeingütern sein kön-
nen. Darüber hinaus wird Piraterie als Gefahr für die sogenannte Kreative
Klasse verstanden, also letztlich als Feind der Künstler, deren legitime Interes-
sen von den Piraten ignoriert werden. Dieser vermeidlich parasitäre Charakter
von Piraterie verkennt jedoch dessen produktive Seite: Piraterie hat über unter-
schiedliche Märkte verteilt höchst kreative Formen der Distribution erfunden
(Maigret/Roszkowska 2015). Und dies ist die entscheidende Parallele, die diese
Piraterie mit der Art verbindet, wie piraterische Social-Bots-Daten weiterver-
teilen. Der Unterschied jedoch ist der Modus der Distribution. Daten, die Bots
gesammelt haben, können in höchst unterschiedliche Richtungen verteilt wer-
den, vom Kreditkartenbetrug bis zum Hacken von Websites, von erstaunlich
passenden Werbeeinblendungen oder Spam bis zu Identitätsdiebstahl. Jedoch,
egal welchen Modus der Redistribution die Daten nehmen und wie sie wie-
der eingesetzt werden, grundsätzlich sind sie für interessierte Käufer jeglicher
Couleur verfügbar, exakt wie die sogenannten ›Medien der Piraten‹.
3 | Die Recording Industry Association of America (RIAA) ist nur eine von vielen
Organisationen, die über die Einhaltung von Copyrightregimen wacht und mit äußerst
dubiosen Mitteln versucht, diese auch durchzusetzen.
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Titel
- Algorithmuskulturen
- Untertitel
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Autor
- Robert Seyfert
- Herausgeber
- Jonathan Roberge
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 242
- Schlagwörter
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Kategorie
- Technik