Seite - 196 - in Im Namen der Emanzipation - Antimuslimischer Rassismus in Österreich
Bild der Seite - 196 -
Text der Seite - 196 -
196 ImNamenderEmanzipation
Beziehungist?DasisteinKonfliktfeld,daszwischendenKulturenganzstark
vorhandenistunddiskutiertwird.« (C1m)
Hierwirddie »Rolle« bzw.die »Unterdrückung«der Frau– illustriert durch
diemedialweitverbreiteteAnekdotevonmuslimischenEltern,dieihrerToch-
terdieTeilnahmeamgemischtenSchwimmunterrichtverbieten–zumAus-
weis derAndersheit unddasmuslimischeGeschlechterverhältnis außerhalb
derGesellschaftverortet.GeradedeshalbabermüssedieGesellschaft sichzu
diesen Anderen verhalten, die dem gesellschaftlichen Konsens äußerlichen
(unterstellten) Praxen »tolerieren oder eben nicht tolerieren«. Das eigene,
nicht-muslimische Geschlechterverhältnis wird dabei gleichsam als gleich-
berechtigteundgewaltfreieBeziehungdargestellt.Ganzähnlichformulieren
andere Interviewte, die auf die FragenachKonflikten antwortet: »Naja, das
beginnt bei Frauenrechten,Emanzipation,geht hinbis zuMenschenrechts-
verletzungen, das sind einfachDinge die nicht unserenWertvorstellungen ent-
sprechen.« (D1f,Herv.B.O.)
Die erste Analyse des Materials zeigt also, dass dieser Topos stark im
Alltagsverstandderbefragten Intellektuellenverankert ist.Auffallendhäufig
wirddasThemaaufgebracht,wenn es umsubjektiveErfahrungengeht, die
RespondentInnenmobilisierenoftAnekdotenunddurchHörensagenüberlie-
fertesWissen,umihreAntwortenzu illustrieren.Ein Journalist erzählt etwa
über islamische »Zwangsehen«, die inÖsterreich »ganzmassiv« vorkämen,
und erläutert: »Mir hat eine Vertrauensperson, eineweibliche, gesagt, also
arrangiert sind80ProzentderEhen,undZwangsehengibt’s sicher einpaar
hundertimJahr,mindestens.«(J1m)DiemedialpräsentenFälleseiennur»das
äußersteSpitzerldesEisbergs,undmirhataucheineLehreringesagt: Jeden
Sommer verabschieden sich 15-jährigeMädchen in denHeimaturlaub und
kommen entweder gar nicht odermit einemCousin verheiratetwieder zu-
rück und sind jedenfalls aus der Schule draußen.« (J1m). Geschichten über
Zwangsehen (E2m;D1f; J1m)odervondenElternverweigertenSchwimmun-
terricht in der Schule (C1m; E1m; I1f) nehmenhier die Rolle ein, die den in
Kapitel 4 diskutiertenMoralpaniken ähneln.Wie in den Fällen von jugend-
lichemDrogenkonsumoderGewaltkriminalitätwerden tatsächlich stattfin-
dendeEreignissealsbeispielhaft fürvorgeblichepidemischauftretendesde-
viantesVerhaltendargestellt.Charakteristischistdie»synekdochische«Qua-
lität der anekdotischenEvidenz,die parspro toto für ein gesamtgesellschaft-
lichesProblemsteht (vgl.Miller2013: 38).Hier stehenarrangierteEhenoder
verweigerter Schwimmunterricht fürdieBedrohungeines als evident ange-
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Titel
- Im Namen der Emanzipation
- Untertitel
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Autor
- Benjamin Opratko
- Verlag
- transcript Verlag
- Ort
- Bielefeld
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 366
- Schlagwörter
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Kategorien
- Weiteres Belletristik