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6 VonderKulturalisierungzurTemporalisierung 223
reichgekämpfthat, inmeinemSegmenthalt, imSegmentdesbürgerlichen
Österreich.Undjetztkommtdasganzewieder! Ja, (Lachen) jetzthabenwir
wiederdieseSprücheaufderStraße,undwiederdiesesAnbeteneinesauto-
ritärenFührers,das isteinbisschenmühsam!«(J1m)
HierwirdderMechanismusderTemporalisierungsehrdeutlichausgedrückt.
ManifestwirderzunächstdurchdenMarker »Vorhundert Jahren!«,derzur
Verstärkung wiederholt wird. Österreichische Frauen am Land – »unsere
Großmütter« – hätten vielleicht auch Kopftücher getragen, das sei aber
heutenichtmehrderFall–und»das istderPunkt!«Ähnlichwie imBeispiel
der Interviews I1f undB2mwird eine autobiografischeErzählungmit einer
gesellschaftlichen Befreiungsgeschichte verklammert. In diesem Fall wird
überdenToposderGeschlechterverhältnissederBogenzuDemokratie und
Autoritarismusgeschlagen. Impliziter historischerBezugspunkt ist derNa-
tionalsozialismus und dessen gesellschaftlichesNachwirken in der Zweiten
Republik,was hier als »total autoritäre Gesellschaft«, »autoritäresDenken«
und insbesondere am Ende der Passage als »Anbeten eines autoritären
Führers« aufscheint.Die letzte Bemerkung bezieht sich auf den türkischen
Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der zuvor eine Wahlkampfveranstal-
tung inWien abgehalten hatte. Die österreichische Gesellschaft wird hier
als geläutertes Kollektiv gezeichnet, das sich von autoritären Elementen –
wozu er autoritäre Erziehung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus
zählt–wegbewegthabe.Ähnlichwie inderDarstellungderSäkularisierung
als »schmerzhaft« wird dieser Prozess als »mühsam genug« beschrieben.
Die temporalisierenden Marker »Waldheim« und »Haider« stehen dabei
für dieWiderstände, gegen die diese vermeintliche Überwindung des Au-
toritarismus durchgesetzt werden musste: In der »Waldheim-Affäre« 1986
rechtfertigteBundespräsidentKurtWaldheimseinebisdahinverschwiegene
Tätigkeit als Wehrmachts-Offizier damit, er habe nur seine »Pflicht als
Soldat erfüllt« und wurde dabei unter anderem von einer Kampagne der
Kronenzeitung unterstützt; Jörg Haider wurde im gleichen Jahr Obmann
der rechtspopulistischen FPÖ. Den Erfolg des »mühsamen« Lernprozesses
nimmt der Befragte auch für sich persönlich in Anspruch: »Als jemandder
bei Waldheim und bei Haider gekämpft hat, gegen Vorurteile und gegen
autoritäresDenkenundallesMögliche,undzumTeil auch,glaub icherfolg-
reichgekämpft hat, inmeinemSegmenthalt, imSegmentdes bürgerlichen
Österreich«.Das kollektive ›wir‹ schlägt hier ins individuelle ›ich‹ um, und
wiederzurück: »jetzthabenwirwieder«.
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Titel
- Im Namen der Emanzipation
- Untertitel
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Autor
- Benjamin Opratko
- Verlag
- transcript Verlag
- Ort
- Bielefeld
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 366
- Schlagwörter
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Kategorien
- Weiteres Belletristik