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224 ImNamenderEmanzipation
Wir finden hier also alle drei Elemente der Temporalisierung des/der
muslimischen Anderen in reiner Form. Die Behauptung der Ungleichzei-
tigkeit wird schon zu Beginn der Passage deutlich gemacht:Was ›bei uns‹
vor hundert Jahren Usus war, ist es jetzt bei denmuslimischen Anderen.
Diese Anderenwerden als Subjekte des noch-nicht konstituiert, indemdie
kollektive und individuelle Autobiografie als Lern- und Reifungsgeschichte
erzählt wird, die den Anderen fehle. Besonders drastisch wird die Gefahr
desRückfalls beschrieben: AlsWiederkehr des vermeintlichÜberwundenen
indieMitte derGesellschaft: »[J]etzt kommtdas ganzewieder! Ja, (Lachen)
jetzt haben wir wieder diese Sprüche auf der Straße, und wieder dieses
Anbeteneines autoritärenFührers,das ist einbisschenmühsam!« (J1m)Die
Bezugnahme auf den Nationalsozialismus, insbesondere die angedeutete
Verbindung von Erdoğan und Hitler durch dieWahl desWortes ›Führer‹,
ist hier besonders bemerkenswert. Wenn wir die Passage genau lesen,
wird damit nicht so sehr der türkische Präsident mit Hitler verglichen,
sondern die UnterstützerInnen der türkischen AKP in Österreichmit den
NS-AnhängerInnen imDritten Reich. Die skizzierte Gefahr ist hier nichts
Geringeres als die Wiederkehr der nationalsozialistischen Vergangenheit,
verkörpert vonmuslimischenAnderen in ›unserer‹Gesellschaft.
EinweiteresSegmentauseinemInterviewsolldieDiskussionder›Gefahr
desRückfalls‹ abschließend illustrieren.DerBefragte erzählt, inwieferndas
ThemaIslamundMuslimeinseinempersönlichenBekanntenkreiseineRolle
spielt.Erberichtet,dassdieGesprächsthemen inseinemFreundeskreis sich
nichtstarkvonjenenunterscheiden,dieerauchalsJournalistbehandelt:»Ei-
gentlichdieselben[Themen],überdiewirberichten.AlsomeinFreundeskreis
ist jetztauchnichtvölligausderWeltundwirsindjetztauchnichtunendlich
gescheiter oder blöder, also eigentlich sind’s die selbenThemen,glaub’ ich.«
(I2m)IslambezogeneThemen–etwa»solleineVolksschullehrerinverschleiert
seinodernicht«–würdealleTeilederGesellschaftgleichermaßenumtreiben:
»Alsoichhab’svorherschonvermutet,dassdaseinfachalleLeuteinteressiert,
das ist keineUnterschicht-Oberschicht-Mittelschicht-Frage, sonderndas ist
glaub ich…prinzipiell interessiert’s Jeden«.AufNachfrageerläutert er,wor-
umes indiesenDiskussionengeht:
»Eben,weilesebennichtnuraufXenophobieberuht, sondernauchaufder
Frage,habenwirdajetzteineBevölkerung,durchZuwanderungeinenBevöl-
kerungsanteilbekommen,derunsinunseremStrebennacheinerbesseren,
emanzipierterenGesellschaftwiederzurückwirft?Na,unddasist jadiegro-
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Titel
- Im Namen der Emanzipation
- Untertitel
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Autor
- Benjamin Opratko
- Verlag
- transcript Verlag
- Ort
- Bielefeld
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 366
- Schlagwörter
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Kategorien
- Weiteres Belletristik