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6 VonderKulturalisierungzurTemporalisierung 233
in Kapitel 7 noch genauer eingegangen. Fraglich ist zudem, ob die Meta-
pher von der Geschichte als ›Warteraum‹ helfen kann, die Positionierung
des/der temporalisierten muslimischen Anderen in der hier behandelten
Form zu verstehen. Bei Chakrabarty dient sie zur Illustration einer poli-
tischen Strategie der Demobilisierung; im oben analysiertenMaterial hält
dieKonstruktionderSubjektedesnoch-nichtMuslimInnen jedochvielmehr
dazu an, ›nachholende‹ Mobilität an den Tag zu legen. In den Interviews
taucht diese Aufforderung zur nachholenden kulturellen Entwicklung im-
mer wieder auf. Beispielsweise in der Aussage des Journalisten, der über
die aus seiner Sicht ›vererbte Bildungsferne‹ vonMuslimInnen spricht. Er
schwächt seine Aussagen zunächst ab: »Das würde ich nicht sagen, dass
diemuslimische Kultur eine desNicht-Lernens ist, daswäre jaWahnsinn.
Dennsehrwohl,dieHochblüte imMittelaltersowiesoundauchheutegibtes
genügend, genügendAnstrengungen umdas zu verbessern.« (J1m).Diesen
Anstrengungen stünden jedoch zwei kulturelleHindernisse entgegen: erstens
»dieMentalität, dass die Frauendanicht unbedingtmit dabei sein sollen«,
undzweitens»historischeGegebenheiten,dassabeinergewissenPhaseeine
Erstarrungeingetreten ist,aucheineVerarmung«.Er führtdiesesArgument
soaus:
»Ich glaub’, dass das Konzept, die Religion auf alle Lebensbereiche auszu-
dehnenundalle Lebensbereiche vonderReligionüberwachsen zu lassen,
einEntwicklungshindernis ist.Das siehtman jaauch inderGeschichtedes
Katholizismus bei uns oder in Europa: So lange das Thron undAltar war,
hat’s eben auch riesige Analphabetismus-Prozentsätze gegeben und die
MenschenunddietechnologischeEntwicklungwarbehindert,dasglaubich
schon.«(J1m)
Die IdeederEntwicklung in jenemSinne,dieChakrabarty »historizistisch«
nennt,kommthierdeutlichzumVorschein.Die»muslimischeKultur«müs-
se sich aus einer »PhasederErstarrung« lösen, sowiedies »bei uns oder in
Europa« schonzuZeitenderAufklärungpassiert sei.Dieskannalsparadig-
matischesBeispiel fürdie»›first inEurope, thenelsewhere‹ structureofglo-
bal historical time« gelten, der Chakrabartys Kritik gilt. An sie schließt je-
dochnichtderBefehl zumStillsitzenan, sonderndieAufforderung,endlich
denmühsamenAufstiegentlangdeseuropäischenEntwicklungspfadmittels
›Anstrengung‹nachzuvollziehen.GeschichtewirdhiernichtzumWarteraum,
sondernzurPeitsche.
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Titel
- Im Namen der Emanzipation
- Untertitel
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Autor
- Benjamin Opratko
- Verlag
- transcript Verlag
- Ort
- Bielefeld
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 366
- Schlagwörter
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Kategorien
- Weiteres Belletristik