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6 VonderKulturalisierungzurTemporalisierung 239
lonisierten keine stabile Grenze, sondern eine Entwicklungsgeschichte, die
letztereerstnachzuvollziehenhätten:
»This isonethatexplicitlyandself-consciouslyhistoricizesracialcharacteri-
zation,elevatesEuropeansandtheir(postcolonial)progenyoverprimitiveor
undevelopedOthersasavictoryofHistory,ofhistoricalprogress,evenas it
leavesopenthepossibilityof thoseracialOthers tohistoricaldevelopment.
Thistradition,bycontrast, Icallhistoricism.« (Goldberg2002:43;Herv. i.O.)
Goldberg arbeitet diese Unterscheidung zwischen »racial naturalism« und
»racial historicism« detailreich aus. Die historizistische Konzeption rassi-
scherDifferenz beschreibt er einerseits als Reaktion auf denundKritik des
Naturalismus (anhand der Polemik zwischen dem ›Historizisten‹ Mill und
dem ›Naturalisten‹Thomas Carlyle: Goldberg 2002: 57-73), andererseits als
parallel sichentwickelnde, jakomplementäreVarianterassistischerDiskurse
in der Moderne. Zusammen bildeten sie die »twin sides of colonialism«
(Goldberg2002:86).DiehistorizistischeForm,dieunshierbesonders inter-
essiert,findetnachGoldberg ihrenAusdruck inKonstruktionender rassisch
definiertenAnderen als ›unreif‹, ›kindlich‹, ›unterentwickelt‹, ›rückständig‹,
›unzivilisiert‹, ›barbarisch‹ oder ›primitiv‹. Ihre Grundlage ist ein Modell
historischer Entwicklung, das jenem gleicht, das wir bei Fabian, Chakrab-
arty und McClintock kennengelernt haben: säkularisierte, chronologische,
verräumlichte Zeit. Im Unterschied zur naturalistischen Verbannung der
kolonisierten Anderen in dieNicht-Zeit der ewigen Stagnation gesteht der
Historizismus ihnendieMöglichkeit zu, sichdorthinzuentwickeln,woEu-
ropasichselbst schonangekommensieht.Dafürallerdings istdieAnleitung
durchdie inderWeltgeschichteGereiftennötig:
»For the historicist, the agency of the colonized, those categorized non-
white or non-European, is undeveloped. Such agency has to be promoted
by developing their potential for self-determination, saving natives from
their (pre)historical selves, the effects of their undeveloped or uncivilized
conditions.« (Goldberg2002:88-89)
Gewissermaßen taucht in derUnterscheidung zwischenHistorizismusund
NaturalismusjeneDifferenzauf,dieChakrabartyinseinerDebattemitGhosh
aufgerufen hatte (s.o.). Chakrabarty sieht davon ab, den von ihm identifi-
ziertenHistorizismus als Rassismus zu bezeichnen, umdenBegriff für je-
neDiskurse,StrukturenundPraxenzureservieren,diekolonialeSubjekte in
eine ewigewährendeVorzeit verbannen.Rassismus ist für ihngleichbedeu-
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Titel
- Im Namen der Emanzipation
- Untertitel
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Autor
- Benjamin Opratko
- Verlag
- transcript Verlag
- Ort
- Bielefeld
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 366
- Schlagwörter
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Kategorien
- Weiteres Belletristik