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einmal die Grabrede gehalten hat? … Vor acht Jahren kam Jeßner mit
seiner Truppe (lies: Treppe) auf Gastspiel nach Wien. Führte den Richard
vor. Die Wiener sind altmodische, traditionserstarrte Menschen, denen
seltsamerweise ein toter Mitterwurzer lieber ist als ein lebendiger Kort-
ner – und sie schenkten dem Ereignis keine Beachtung. Zu allem
Überfluß ließ ich unter dem Titel ›Ein Pferd, ein Pferd …‹ einen Vor-
trag folgen, worin ich das Billigste von der Welt unternahm: Shake-
speare gegen Berlin auszuspielen!
… Ich schränkte dies Spiel allerdings
durch den Zusatz ein: in Wien dürfe man das
– in Berlin aber gelte der
Name Jeßner mit Recht als politischer ›Belang‹. Davon lebe freilich
andrerseits sein Träger; er trotze allen Feuilletongefahren im Gefühl
doppelter Leitartikelwürdigkeit. Aber Feuilletongefahren
– gäbe es denn
die in einer Stadt, wo die Richtung wichtiger ist als der Mensch? Wo ein
gemeinsamer Bund der Maßstablosigkeit alles regiert? Wo das Motto
des Vorwärtskommens für Schaffende und Wertende lautet: ›Im Gegen-
teil!‹ Wo ein Regisseur dem Hans Sachs bloß den Vollbart zu skalpieren
braucht, um als Neuerer zu gelten? Wo die Unbildung den Dramatur-
gen macht, indem sie, ohne Ahnung, daß dem Richard-Drama eine
Trilogie ›Heinrich VI.‹ vorangeht, aus dem aristokratisch-einsamen,
liebenswürdigen (Lessing!) Richard einen brüllenden Schlachtstier wer-
den läßt – wo der Justamentgeist eine Treppe dazu baut, damit der auf
ihr herniederwandelnde Hauptdarsteller den Anschein erregt, als komme
er trotz der dämonisch fletschenden Vorsätzlichkeit seines Mienen-
spiels, der skandierten Abgezähltheit seiner Gebärden und der intellek-
tuell geschärften Harmlosigkeit seiner Stimme, die ihn als Prototyp
eines ›Übersteigerten‹ erkennen lassen, ›von oben‹ her – und wo zu all
dem Kritiker Bravo sagen, teils, weil ihre eigne Phantasie nicht weiter
reicht, teils, damit man ihnen zum kühnen Bejahen auch die Lenden-
kraft zutraut? Wo eine Sache ›anders machen‹ sogleich ›revolutionär‹
heißt? Wo es kurzgesagt immer auf Namen und Benennungen und nie,
nie, auf das Wunder der Persönlichkeit ankommt?«29
Von »Sensationsvorverkauf« ist in den Ankündigungen der Rubri-
ken »Bühne und Kunst« sowie »Mitteilungen der Prager Theaterkanz-
lei« wieder zu lesen – für einen Vortrag Anton Kuhs, »der die letzten
Dinge der Erotik behandeln« werde. »Geschmacklose Reklame!« ärgert
sich der Rezensent der »Bohemia«, aber »wenn Kuh sein Brillantfeuer-
werk geistreicher Einfälle und philosophischer Witze« abbrenne,
gebe es »wirklich für den Literaturmob etwas zu gaffen«. Ganz
in »Wie-ich-es-sehe«-Haltung und allerpersönlichst spricht Kuh
zwei Stunden lang über Wedekind, den »Amokläufer gegen die
ganze starre, freiheittötende deutsche Kultur«, den »innerlich
Prag, Urania,
Großer Saal,
3.2.1922,
20 Uhr: Der
unverstandene
Wedekind
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien