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Am 27. November 1922 wird dem Rektor der Universität Wien,
Professor Karl Diener, von den Vertretern der deutschen Studenten-
schaft ein Memorandum überreicht, das folgende Forderungen enthält:
»Der hohe akademische Senat möge beschließen: 1. daß nur Professo-
ren deutscher Abstammung und Muttersprache zu Rektoren, Dekanen
und sonstigen Amtswaltern der akademischen Behörden gewählt wer-
den können; 2. einen Numerus clausus, nach dem nur 10 % der Gesamt-
zahl der Lehrenden jüdischer Abstammung sein können; 3. endlich den
Numerus clausus durchzuführen, nach dem nur 10 % der Gesamtzahl
der Studierenden jüdischer Abstammung sein können.« Am 10. Dezem-
ber nimmt Diener, der das Memorandum bereits dem akademischen
Senat vorgelegt und eine Kommission zur weiteren Beratung eingesetzt
hat, auf der Aufmacherseite der »Reichspost. Unabhängiges Tagblatt
für das christliche Volk« dazu Stellung. Die Forderung, daß nur ein
»deutscher Gelehrter arischer Abstammung« Rektor einer österreichi-
schen Hochschule werden könne, hält er für »gerechtfertigt«. Ebenso
die »Beschränkung jüdischer Lehrpersonen auf 10 % der Gesamtzahl«.
In den Professorenkollegien der Universität Wien übersteige der Anteil
jüdischer Lehrkräfte aber diese Marke ohnehin nicht. Anders bei den
Privatdozenten, wo zumal an der medizinischen Fakultät »das jüdische
Element unverhältnismäßig stark« überwiege. Es könne hier aber
schwerlich Abhilfe geschaffen werden, solange »ausschließlich die wis-
senschaftliche Qualifikation für die Habilitation eines Privatdozenten
maßgebend sein darf und nach dem Staatsgrundgesetz die Zugehörig-
keit zu einer bestimmten Konfession kein Hindernis für die Erreichung
eines allen Staatsbürgern zugänglichen Amtes« bilde. Der Numerus
clausus für jüdische Studierende sei nicht durchzusetzen, soweit es sich
um österreichische Staatsbürger handle, ein Problem sei allerdings die
große Zahl »erschlichener und gefälschter Heimatscheine«. Einschreiten
könne man hingegen gegen »landfremde Elemente«: »In der geradezu
erschreckenden Invasion solcher rassen- und wesensfremden Elemente,
deren Kultur, Bildung und Moral tief unter jener der bodenständigen
deutschen Studentenschaft stehen, liegt der wahre Krebsschaden unse-
rer akademischen Verhältnisse. Der Abbau der Ostjuden muß heute im
Programm jedes Rektors und Senats einer deutschen Hochschule einen
hervorragenden Platz einnehmen. Der fortschreitenden Levantinisie-
rung Wiens muß wenigstens an den Hochschulen Einhalt geboten
werden.«54
Tags darauf moniert der anonyme Leitartikler des bürgerlichen
»Neuen Wiener Tagblatts« zwar, daß sich Professor Diener die, »wie
längst einwandfrei nachgewiesen wurde, durchaus unhaltbare Termi-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien