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tions-Null[en]« vor und hinter dem Katheder ausgegossen, den »Ty-
pus, der nur gruppenweise oder im Gänsemarsch, nur als draller Figu-
rant eines Bildes sich als Einzelwesen fühlt«57 –, verbittet sich die
Abmahnung und Aufforderung zur Leisetreterei, er exponiert sich –
und riskiert seine Haut.
Bang vor dem Sodbrennen ist Anton Kuh am 4. Dezember 1922, als er
im Klubsaal des Café Herrenhof Bruchstücke von Abraham Morewskis
in Jiddisch gehaltenem Vortrag »Schauspielkunst und jüdisches Thea-
ter« aufschnappt. Der Regisseur der gerade in Wien gastierenden »Wil-
naer Truppe«
– sie gilt als bestes jiddisches Schauspielerensemble dieser
Zeit – räumt nicht nur dessen Vorbehalte gegenüber dem Jiddischen,
das er bis dahin für einfältige Folklore gehalten hat, mit einem Schlag aus,
Kuh vermeint – viel mehr noch – beim charismatischen Vortragenden,
der »die Worte in der Luft, dort, wo sie am wahrsten sind, erhaschen
will, im frischesten Bildaggregat«, in einen Spiegel zu blicken. Was er
da hört, ist »von wildwütiger Gescheitheit […], ein Besserwissen und
Tiefersehen, im Worttriumph geboren«. Und ähnlich wie die aufmerk-
samsten unter den Beobachtern des Stegreif-Redners Kuh dessen Denk-
bewegung und Sprachbewegtheit erfassen, registriert der an diesem
Abend an Mo
rewski: »Wer Augenzeuge im Gehirn sein kann, drängt
von selber nach Verkörperung und Darstellung dessen, was er so nah
vor sich sieht.«58
In Morewskis Bezeichnung für »das Shakespearesche Urelement«:
»Ekschtatigkeit« (gleichsam: die Dauerekstase)«, findet sich der Im-
provisator getroffen. »Wie vielsagend wird ein Wort bloß dadurch, daß
es nicht in aller Hand und Mund ist, sondern den frischen Hauch der
Phantasiebemühung an sich trägt! […] Eine Sprache, die gestikuliert,
erspart dem Gehirn viel Worte. […] Ekschatigkeit ersetzt alles Glück
–
auch die seßhafte Ruhe des Gemüts. Aber gibt sie, die den Rausch gibt,
nicht auch den Katzenjammer? Genießt sie nicht im Wort das Dasein
und zieht sich darum selber in die Länge? … Mir wurde bange vor
meiner eigenen Ekschtatigkeit.«59
Und das keine drei Wochen bevor er mit den »Jüdischen Reichen« in
Wien auftritt. Wobei ihm dann weniger vor dem anschließenden Katzen-
jammer bang zu sein brauchte. Für den Vortrag erntet er reichen Beifall,
auch von den Rezensenten. Allein die zionistische »Wiener
Morgenzeitung« mahnt: »Anton Kuh ist gescheit und amüsant,
aber dem jüdischen Problem sollte sich ein Jude nur mit Ernst
und Ehrfurcht nahen, selbst wenn er es zum Paradox oder zur
Groteske gestalten will.«60 Nur als er sich bei der Scheidung der
Juden in »Nathan«- und »Shylock-Typen« dazu herbeiläßt, die
Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
22.12.1922,
19 Uhr:
Die jüdischen
Reichen
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien