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Leopoldstadt.
– Die Vorgeschichte: Am 15. Feber spricht Georg Fried-
rich Nicolai im Saal des Ingenieur- und Architektenvereins in der
Eschenbachgasse über »Deutsche Kultur«. Der Arzt und Physiologe
verfaßte als außerplanmäßiger Professor an der Berliner Universität
kurz nach dem hurrapatriotischen »Aufruf an die Kulturwelt« vom
4. Oktober 1914 und der »Erklärung der Hochschullehrer des Deut-
schen Reiches« vom 16. Oktober Ende des Monats das pazifistische
Gegenmanifest »Aufruf an die Europäer«. Ganze drei Kollegen setzten
ihre Unterschrift unter das Manifest: der greise Astronom Wilhelm
Julius Foerster, der Philosoph und Übersetzer Otto Buek und Albert
Einstein. Der Aufruf erschien erst zwei Jahre darauf als Einleitung zu
Nicolais Buch »Die Biologie des Krieges« (Zürich 1916), einer Abrech-
nung mit gängigen politischen Vorstellungen vom Krieg als quasinatür-
lichem Phänomen. Einem militärgerichtlichen Prozeß wegen seiner
pazifistischen Aktivitäten entzog sich Nicolai im Juni 1918 durch Flucht
nach Dänemark. Die Wiederaufnahme seiner medizinischen Vorlesun-
gen an der Charité scheiterte 1920 am Widerstand nationalistischer
Studenten, die gegen den »Vaterlandsverräter« randalierten. Der Kon-
flikt endete nach Intervention von Rektor Reinhold Seeberg – mit der
Aberkennung von Nicolais Venia legendi. Begründung: »[Nicolai] hat
gegen die Ideen einer reinen Gemeinschaft gehandelt, gegen den Grund-
satz alles sozialen Wollens. Denn er hat die, mit denen er zusammen-
gehörte, bei denen er alles empfangen hat, was er körperlich und geistig
besitzt, mit denen er gemeinsam arbeiten und kämpfen sollte, in der
Stunde der Not schnöde verlassen, hat vom sicheren Ort aus ihren
Feinden vergiftete Waffen in die Hand gegeben und tatsächlich mit
diesen gemeinsame Sache gemacht. / Aus diesen Gründen ist der akade-
mische Senat einstimmig zu der Feststellung gelangt, daß die an ihn
gestellte Frage, ob Professor Nicolai würdig sei, seine Lehrtätigkeit an
der Universität fortzusetzen, verneint werden muß.«18
Da mehrere rechte Gruppierungen, vom »Völkisch-antisemitischen
Kampfausschuß« über die »Ostara« bis zu den Großdeutschen, dazu
aufgerufen haben, den Wiener Vortrag Nicolais zu sprengen, findet die
Veranstaltung unter massivem Polizeischutz statt. Fünfzehn Minuten
nach Beginn, um 19.45 Uhr, gibt ein schriller Pfiff das Signal zum Kra-
wall. Eine Handvoll Radaubrüder drischt mit Gummiknüppeln und
Drahtpeitschen blindlings auf ihre Sitznachbarn ein, Stinkbomben flie-
gen von der Galerie in den Saal. Die Randalierer werden von Zuhörern
und Polizei überwältigt und abgeführt. Hakenkreuzler-Trupps, die sich
um das Gebäude versammelt haben und in den Vortragssaal vorzudrin-
gen versuchen, werden von Wachleuten zu Fuß und zu Pferd abgedrängt.
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien