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Stürmische Ovationen für Nicolai, der während des Tumults am Redner-
pult stehengeblieben ist und ungerührt in seinem Vortrag fortfährt.
Im »Reichenberger Beisel« unterhält sich Anton Kuh tags darauf mit
Erik Krünes über diese Vorfälle und wird von einem Ingenieur Wagner
angepöbelt, den er wegen Ehrenbeleidigung vor Gericht bringt. Das
»Neue Wiener Journal« unter dem Titel »Sexualforschung im Gerichts-
saal« über die Verhandlung, »die dank der etwas freimütigen rhetori-
schen Exkurse des Klägers Kuh einen bewegten Verlauf« genommen
habe: Anton Kuh »behauptet, daß er vom Angeklagten, Ingenieur Wag-
ner, durch die Worte »D…kerl« [Dreckskerl], »Blödian« usw. sowie
durch eine Schmähung obszönen Charakters angestänkert worden sei.
Dem Angeklagten sei es sichtlich nur um die ungebetene Zurschaustel-
lung seiner politischen Ansichten zu tun gewesen. Demgegenüber be-
hauptete in der gestrigen Verhandlung der von Dr. Walter Riehl vertei-
digte Angeklagte, er habe sich, gereizt durch den Umstand, daß Herr
Kuh demonstrativ Gespräche sexuellen Charakters führte, besonders
aber infolge der wiederholten ostentativen Anwendung eines ein Kna-
benlaster bezeichnenden Wortes zu den inkriminierten Äußerungen
hinreißen lassen. Kläger Kuh: Ich habe mich als Antwort auf die Beleidi-
gungen mit Herrn Doktor Krünes über den Zusammenhang zwischen
nationaler, namentlich deutschnationaler Gesinnung und angeborner
geschlechtlicher Minderwertigkeit unterhalten und dabei als Charakte-
ristik das erwähnte Wort gebraucht. Richter (lächelnd): Ich verstehe
diesen Zusammehang nicht. Anton Kuh (mit erhobener Stimme): Es ist
eine von mir oft ausgeprochene Theorie, daß alle Menschen von übeln
Dünsten, ungraziösem Äußeren, häßlichem Gesicht, kurz: die Pech-
vögel in der Liebe, einer nationalistisch-antisemitischen Gesinnung
zuneigen! (Heiterkeit.) Es war ja auch an diesem Abend das Charakte-
ristische und dürfte erst die Wut des Angeklagten geweckt haben, daß
eine schöne junge Dame, rassenreine Arierin (lebhafte Heiterkeit), in
dem Zwist nicht für diesen möbelpackerisch-robusten Herrn da, son-
dern für mich Partei ergriff, mit meiner feinen dekadenten Visage und
meinem edlen Körper! (Erneute Heiterkeit.) Deshalb gebrauchte ich
für diese Gesinnungsträger den Ausdruck ›O…‹ [Onanist] (Auf den
Tisch schlagend zu Ingenieur Wagner): Sie haben das Wort ›Jud‹, ich
habe das Wort ›O…‹ [Onanist]. Dem Kläger wird im weiteren Verlauf,
als er den Angeklagten mit den Worten apostrophiert: ›So ist der Mut
eines deutschen Mannes im Gerichtssaal beschaffen‹, vom Richter die
Disziplinierung angedroht. Die Zeugen, die Kaufleute Lichtwitz und
Landesmann, sowie Dr. Erik Krünes gaben ihre Darstellung konform
der Klageschrift. Der Richter vertagte die Verhandlung zur Ladung
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien