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Studentinnen wurden die Hüte von den Köpfen gerissen und sie wurden
von den deutschvölkischen Studenten durch Faustschläge blutig ver-
letzt. Eine sozialistische Studentin wurde besonders übel zugerichtet.
Nachdem sie bereits von deutschvölkischen Studenten blutig geschlagen
worden war, stürzten sich vier Studentinnen, die ebenfalls das Haken-
kreuz trugen, auf das junge Mädchen und rissen sie an den Haaren. /
Besonders empörend wirkte die Mißhandlung einer etwa fünfundsech-
zigjährigen Frau […]. Die alte Frau wurde unter Spottreden und unter
den Rufen ›alte S . . jüdin‹ geschlagen und die Treppe hinuntergestoßen.
Weinend erzählte sie den Passanten, der ganze Körper schmerze sie von
den Prügeln, die sie überdies einem Mißverständnis verdanke, da sie gar
keine Jüdin sei.«22
Da gibt’s für Kuh keine Würscheln: »Was soll […] die Lüge vom
›heiligen akademischen Boden‹? Worin liegt die Heiligkeit eines Ter-
rains, das sich von der Außenwelt nur durch die Alleinherrschaft der
Plebejer unterscheidet? […] / Die Hochschulen aber, Brut- und Zucht-
stätten des künftigen Amtsgehorsams, Kinderspielplätze jener Welt-
anschauung, die bei allem Goldglanz doch nur im Arretieren und Arre-
tiertwerden gipfelt, sollten noch immer, weil ein dummer Sprachbrauch
es will, von den Ordnungsbehörden unangetastet bleiben? Studenten
das Recht auf Prügelei und Exzeß haben, das man Plattenpülchern23
verweigert? Warum und wozu? Welche Ursache hätte die Behörde,
ruhig zuzuschauen? / Da der Studenten ganze Seele und Gesinnung, ihr
völkischer Idealismus nichts als ein Ruf nach der Polizei ist – warum
diesen Ruf überhören? / Der ›heilige akademische Boden‹ ist tot. Die
›Schauplätze wüster Szenen‹ aber hat der Staat mit gleichen Mitteln zu
säubern, ob sie eine Universität sind oder ein Fußballplatz.«24
Ein sogenannter Fememord unter Nationalsozialisten
– in der Nacht
vom 14. auf den 15. Juni 1923 erschlägt der neunzehnjährige Rudolf
Nowosad, Kopf der »Trutztruppe Nowosad«, den achtzehnjährigen
Konrad Karger in der Nähe von Neulengbach mit einer Beilpicke
– ist
Anlaß zu einer breit geführten Diskussion über die Umtriebe haken-
kreuzlerischer Terrornetzwerke und ihrer Hintermänner. Für Kuh nur
Konsequenz einer ins Politische gewendeten »Dolch-, Verschwörer-
und Abzeichen-Romantik, die […] statt ins Heldenbuch ins Verbrecher-
album« führe. »Der Windjackenbub ist also kein Sturmgeselle mehr
wie ›Heinz der Lateiner‹; er ist ein terroristischer Gernegroß […]. / Der
Mörder Nowosad
– der Witz der Vorsehung hat ihm als Deutschnatio-
nalem den obligaten Tschechennamen gegeben – war wie sein Opfer
ein Windjackenträger. Außerdem saß er ein halbes Jahr wegen Dieb-
stahls und wurde aus der Schule geworfen. Ferner bezog er als Terror-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien