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bach und St. Kathrein.« Das Gebirge dringe vor
– Schreckensszenario:
»Weandorf«.32
»Provinz«, das ist für Kuh »die Sense gegen den Geist, der Dresch-
flegel gegen die Natur […], die Unerbittlichkeit des Pferchs, der Glaube
an den Pfarrer«,33 das ist – ob nun als Kremser, Linzer, Grazer, Ko-
motauer oder Teplitzer Variante – »der Wille zur Kleinstadt, die auf-
stampfende, leimig-gevatterhafte Lust am Untersichsein. Jener gewisse
Treudeutschtrott vor allem, der wie die zeremonielle Kehrseite der
Vergalltheit wirkt«.34
Immer wieder glossiert Anton Kuh angewidert die unter »Sanie-
rung der Seelen« (neben jener der Wirtschaft) laufende programmati-
sche moralische Aufrüstung Österreichs während der Kanzlerschaft
des Prälaten und christlichsozialen Politikers Ignaz Seipel – die »Re-
katholisierung« erleben liberale Zeitgenossen als christlich-völkischen
Tugendterror.
Desgleichen die in den zwanziger Jahren um sich greifende Kaka-
nien-Nostalgie. Die zunehmende publizistische Präsenz des »zeitabge-
bauten, morosen Bildungsspießers, der den Begriff Alt-Wien und die
bodenständige Kultur […] zum Protest gegen das politische Neu-Wien
mißbraucht«, der, »ein Staberl hinterm Rücken, unentwegt auf die
Bodenständigkeits-Pirsch« geht35, verdrießt ihn. Diese von Kuh mit
bedachtem Anklang »Antishimmyten« genannten Spießer, die in ihrem
»Mißbehagen über gewisse Verfassungs- und Lebensformen der neuen
Zeit« den Dreivierteltakt gegen den Shimmy ausspielen und den Donau-
walzer zu ihrem Kriegslied erkoren haben,36 sind mitverantwortlich für
den Wandel Wiens von der weltstädtischen Metropole des Habsburger-
reichs zur älplerischen Hauptstadt der Konkursmasse Rest-Österreich.
Im Mai 1923 ein Déjà-vu, das sich ins Bild »Kampf der Länder gegen
Wien« fügt: Wie schon während des Weltkriegs häufen sich die Fälle, da
»Damen ohne Begleitung« in Wiener Cafés nicht bedient, sondern des
Lokals verwiesen werden
– auf polizeiliche Weisung hin. Kuh: »Denn es
ist die Aufgabe der Polizei, allen Ärger, den der Kremser und Komotauer
angesichts des weltstädtischen Gepräges Wiens empfindet, amtshandelnd
zum Ausdruck zu bringen. […] Die Kaffeehausromantik hört damit
auf; die Liebe wird bald nach provinzstädtischem Beispiel ihre zwei
gesonderten Rayons haben: links Kasino-Ressource, rechts das »Haus
zur roten Laterne«.37
Und als Felix Salten – »Schöpfer der unvergänglichen ›Mutzen-
bacher‹, des besten pornographischen Romans aller Zeiten«, wie Kuh
ihm süffisant unter die Nase reibt
– sich bemüßigt fühlt, die verlotterte
Moral wiederaufzurichten, und den »jungen Mädchen«, die »im Spiel
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien