Seite - 155 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 155 -
Text der Seite - 155 -
155
der Liebe und der Liebelei ohne Bedenken« ihr »Magdtum« hingeben,
einen Tugend-Sermon hält38 – zuversichtlich hoffend, daß sie »wieder
ihre Ehre dreinsetzen [werden], junge Mädchen zu sein«, sich nicht
»zum Spielzeug der Lust hergeben«, sondern »sich rein erhalten für die
Aufgabe, welche die Natur ihnen bestimmt hat«
–, erteilt ihm Kuh eine
(verbale) Maulschelle, die sitzt.39 »Snobbismus der Büberei!«, so Saltens
Replik, als er neuerlich eindringlich warnend – »Der Frauenleib hat
kein Geheimnis [mehr] und er wird nicht mehr in zitternder Andacht
zur Stunde der Liebe enthüllt« – ins Tugendhorn stößt, indem er bet-
schwesterlich vor einer Nacktrevue im Etablissement Ronacher warnt.40
Kuh appliziert ihm, »von dem nicht oft und eindringlich genug gesagt
werden kann, daß er der Autor des pornographischen Dirnenromans
›Josefine Mutzenbacher‹ ist« und nunmehr offenbar »Sonntags-Spezialist
für Sittlichkeit«, neuerlich eine schallende (verbale) Ohrfeige: »Als
Herr Salten noch ein Jüngling war, träumte und lebte er mit der Haus-
meisterstochter Josefine. Nun, auf der Scheitelhöhe seines feuilletonisti-
schen Daseins, erfindet er neben der bürgerlichen Kategorie ›Erregung‹
die proletarische ›Brunst‹. Aus zahnlosem Deutsch pfeift – und nur
daran erkennt man noch die Klaue des ›Mutzenbacher‹-Löwen – das
schwüle Vokabular vom ›Zauber der Hülle‹, der ›zitternden Andacht‹
und der ›Stunde der Liebe‹. Man spürt förmlich das Zittern, sieht den
Räuber mit seinem Fang. Der gealterte Gymnasiast verrät sein Weh
und Ach. Er braucht Geheimnis, Dunkel und Schlüsselumdrehung für
die Raubabenteuer seines schuldbewußten Herzschlags. / Und hier geht
mir auch ein Licht auf, wem solche Nacktrevuen wie die von Herrn
Salten verfluchte zu Nutz sind. Der unverlogene und freie Schönheits-
freund kann ihnen allerdings entraten; sie mögen sein Auge mehr stören
als erquicken. Aber ihr unerläßlich-nötiger Zweck, das ist die Abhärtung
derer vom Schlage Salten, die à tout prix für ihren Sinnlichkeitsbedarf
das raschelnde Geheimnis und die schwummerlige Heimlichkeit der
Knabenzeit brauchen. Die Folgerung ist klar: Nacktabende sind nicht
an und für sich nötig und nicht für die Anblickgewohnten, sondern zur
Abhärtung derer, die dagegen protestieren.«41
»Über Einladung zionistischer Kreise«, wie es im einzigen und ziem-
lich knappen Bericht über seinen Auftritt heißt, hält Anton Kuh »im
überfüllten Dreifürsten-Saal über ›Juden und Deutsche‹ einen
Vortrag. Das Publikum bereitet dem faszinierenden Sprecher,
in dem es eine völlig ungewohnte, über eine einzig dastehende
Vortragstechnik verfügende Erscheinung kennenlernte, am
Schluß seines aufpeitschenden und geistfunkelnden Vortrags
Ovationen.«42 Iglau / Jihlava,
Dreifürsten-Saal,
6.12.1923,
20 Uhr:
Deutsche
und Juden
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien