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Wiener Bühne« unter ihrem Direktor Emil Geyer, einem Enthusiasten
»ohne die übliche dilettantische Rührigkeit, neuerungsmutig ohne die
Berliner Regiekrücke«5, ist für Kuh um 1920 Wiens einziges ernst zu
nehmendes Theater.
»Darf der Kritiker klatschen?« – unter diesem Titel entwirft Kuh in
einer Polemik gegen einen Kollegen, der ihn »unkritischen Verhaltens«
geziehen hatte, weil er sich nach einer Vorstellung zu Beifallsapplaus
hatte »hinreißen« lassen, im Oktober 1919 nebenbei eine Art Programm
im »Maßstab«, dem von Leo Schidrowitz herausgegebenen »Organ der
Teilhabenden für die Teilnehmenden«, das sich als Wiener Pendant zu
Siegfried Jacobsohns (vormaliger) Berliner »Schaubühne« verstand und
als Parole »nicht akademische Arterienverkalkung, sondern Lust und
Temperament«6 ausgegeben hatte.
Er geht darin mit einem Berufsverständnis ins Gericht, das den Kriti-
ker »als einen Rhadamanthys« sieht, »der mit todernstem, feierlichem
Gesicht die Wage ästhetischer Gerechtigkeit in der Hand hält und un-
nahbar durch die Parkettreihen wandelt«, dessen Gehrock ein Talar ist,
»der ihn vom gaffenden Laien entfernt hält; sein Urteil
– ein Gerichts-
beschluß. Er ist ein Oberlandesgerichtsrat der Kunst.« Die Phrase von
der »höheren Objektivität« wischt Kuh vom Tisch. Beifall- und mißfall-
umbrandet, dürfe der Kritiker mit keiner Wimper zucken, sondern
müsse auf einer »Wolke undurchdringlichen olympischen Phlegmas«
thronen und von dort »eisig nach der Bühne« blicken? – Mitnichten!
Kritik sei eine Frage der »intellektuellen Temperatur«. In Kunstdingen
gebe es Recht- oder Unrechthaben so wenig wie Objektivität. »Was man
gleichwohl so nennen kann, ist ein Niveau, keine Eigenschaft. Denn da
das ›allgemein Gültige‹, das die Kunst hervorbringt, von einer Erregbar-
keit auf bestimmter geistiger Höhe erzeugt wird, so kommt es auch bei
dem, was darüber auszusagen ist, nur auf die gleiche geistige Höhe der
Erregbarkeit an. Was daraus resultiert, ist objektiv. Was darunter zu-
rückbleibt – und wenn es noch so kühl, so zugeknöpft, so amtsstreng
wäre – subjektiv. / Was aber den Kritiker nicht durch Zeitungszufall
und Unkenntnis der Grammatik, sondern sinngemäß zum Kritiker
macht, das ist: daß er von den Subjektiven der Subjektivste, von den
Erregten der Erregteste, von den Parteilichen der Parteilichste ist. Nicht
ästhetische Gesetzeskunde und logische Folgerungskraft unterscheiden
ihn vom Mitmenschen, sondern Reizbarkeit. – Reizbarkeit, zu der ihn
die Sprache legitimiert. Sie ist seines Witzes, seines Beifalls, seines Urteils
Born. Er muß über ein repräsentatives Nervensystem verfügen, unter
Schläfern ein Rasender sein.« Womit auch die Frage beantwortet wäre,
ob er klatschen dürfe.7
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien