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dem unrecht.« So daß die Jessnersche Aufführung von »Richard III.«
einer seiner »bleibendsten Nicht-Eindrücke bleiben« wird.19
Die Plattheit eines Hermann Sudermann, dessen Stück »Heimat«
den Geist der »Gartenlaube« atme, bringt Kuh auf den Punkt: »Sardou
in Röhrenstiefeln. Es war zum Brechen.«20 Dem vielgespielten Hans
Müller stehe das Wörtlein »halt« auf die Stirn geschrieben, »diese Parti-
kel des grillparzerisch-girardischen Achselzuckens, des unschuldigen
Augenaufschlages, der verlegenen Unwiderstehlichkeit. Er ist halt so, er
schreibt halt so und kann halt nichts dafür.« Sein Schauspiel »Könige«:
»ein Hans Müllersches Grillparzerfeuilleton, praktisch angewandt auf
ein Hans Müllersches Lustspiel. […] Aber dieses Meisterwerk eines
Gymnasiasten ist die Mache eines Literaten.«21 Auf Hans Saßmann
scheint, Kuh zufolge, Christian Morgensterns Wort vom »Diletalent«
geprägt. Sein Stück »Das weiße Lämmchen« versammle alle dilettanti-
schen Merkzeichen: »ein Einfall, der zwei Stunden nach Luft schnappt;
die Szenenführung dem Vorsatz nachpausiert […]. Eine Mischung aus
Talent und Trottelei«.22 Karl Schönherr, »Meister der vielsagenden
Verstocktheit«, mit seinen fast schon zur Manier ausartenden, ewig
gleichen »überlebensgroßen Exemplaren bäuerlicher Verknorrtheit und
Härte« und seine »Frau Suitner«: »›G’wissensholm‹. Oder ›Rosmers-
wurm‹. Ibsenqual ins Bjuvarische übersetzt.«23
Dem frühen, vom philanthropischen Sozialismus des späten 19. Jahr-
hunderts inspirierten Gerhart Hauptmann vermag Kuh durchaus etwas
abzugewinnen
– ein »gütiger, naiver, christlicher Wedekind« in etwa24
–,
dem »Erben von Goethes Überzeitlichkeitsgestus, von dem dräuenden,
antwortheischenden Geschehen des Tages auf noble, neutrale Gestal-
tungshöhen« zurückgezogen,25 der für die Barbarei der Gegenwart kein
Wort hat, sondern in delphischer Unnahbarkeit zu sagen scheint: »Was
geht’s mich an?«, nichts mehr.
Henrik Ibsen, diese »Kreuzung aus Swedenborg und Eschstruth«, ist
Kuh allenfalls als anschauliches Beispiel dafür noch interessant, wie
fern und blaß den späten 1910er Jahren das 19. Jahrhundert ist; seine
»Stützen der Gesellschaft« ein »sardouisch dramatisierter Leitartikel«,
dem nichts von der bewährten Ibsen-Komik fehlt: »die Hausbackenheit
raunt, die Plattheit orakelt, die Banalität macht ›hu-hu‹ und wenn es auf
der Bühne ›mal so richtig gemütlich‹ wird, möchte man in einen Stadt-
pelz schlüpfen.«26
Carl Sternheim und sein Stück »Die Hose«: »Es war, wie wenn man
zweieinhalb Stunden lang ›Simplicissimus‹ geblättert und sich das ver-
gnügte Grinsen allmählich in einen Gähnkrampf verwandelt hätte. Stern-
heim ist dramatischer ›Simplicissimus‹-Zeichner.«27
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien