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der Bühne eine ganz neue Sprache sprechen: die des erlebten Lebens. /
Verschlägt es etwas, wenn diese Kunst in jedem Augenblick einen Hauch
aus den vertrauteren Bezirken der Gescheitheit zuträgt. Wenn ihre exal-
tierte Gehemmtheit der Hemmungslosigkeit äußerlich gleichkommt?«56
Hymnisch lobt er sie in der Sprühteufel-Rolle Christopherl – »Ihr
Gesicht sieht durch den strohgelben Haarschopf völlig verändert aus.
Nicht mehr seraphisch-spitzmäusig, sondern süß und keck wie das
Antlitz eines vielbegehrten Liftboys«
–, in der sie auch bei der Berliner
Aufführung den unverfälschten Tonfall der Gassen der Wiener Leopold-
stadt draufhat57 und nicht, wie Kuh befürchtet hatte, nach dem Beispiel
der »urechten [Berliner] Kabarettweaner« zur Schablone des mundart-
lich parodierten Hochdeutsch Zuflucht nimmt. Nicht der einzige Punkt,
in dem Kuh Abbitte leisten muß: Als ihn die Bergner nach der Auf-
führung daran erinnert, daß sie sich schon vor Jahren in Wien als Chri-
stopherl versucht hat, ohne Kuhs Lob einzuheimsen, ist er zunächst
schmäh stad, steht aber, sobald er sich wieder gefaßt hat, nicht an, zu-
mindest für den Fall der Bergner eine seiner einschlägigen Bosheiten
zurückzunehmen: »Wenn man von einem Schauspieler, der in Wien
keine Größe war und in Berlin zu einer wurde, sagt, er sei ›gewachsen‹,
so heiße das: seine Chuzpe sei gewachsen.«58
Er ist verzückt von der lärmenden Naturgewalt, vom animalischen
Genie einer Gisela Werbezirk – »dieses Jargonwunder an Leib, Seele
und Stimme«59
– mit ihrem »gutmütig-bornierten, punktlos über Dämme
und Ufer setzenden Hennengegacker, ihrem Überhören von Men-
schen, Übersehen von Situationen aus fideler Verschwatztheit«.60 Von
Richard Romanowsky, der im Oktober 1924, bei seinem Wien-Debüt,
längst einer der großen Komiker sein müßte, wäre er, scheu und be-
scheiden, nicht so lange in Prag geblieben: »Seine Gleichmütigkeit ist
nicht die des runden Bauches, sondern eines seelischen Piano, sein
Phlegma nicht Sattheit, sondern Stille.«61 Und er freut sich, ihn Max
Reinhardt empfohlen zu haben, der ihm in seinem »Sommernachts-
traum« im Feber 1925 die Rolle des Bälgeflickers Flaut anvertraut: »Seine
lispelnde Bleichgesichtskomik, das Genierte seines dennoch unver-
drossenen, ja starrköpfigen Wesens, dieses Vorwärtsstraucheln eines
Nachzüglers, es setzte sich mit jener spontanen Macht durch, die im
Reich der Heiterkeit nur der lautlosen Schwäche beschieden ist. Habe-
mus Maran!«62
Kuh schätzt und bewundert Regisseure wie Max Reinhardt, der
immer wieder beweist, »was Fanatismus und Erfindungsreichtum aus
der scheinbar so abgenützten Form des alten Theaters noch für Werte
herausholen können«.63 Der sogar noch aus der »trockenen, Bauern-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien