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Über das Lustspiel »Lady Fanny und die Dienstbotenfrage« ob des
Schneckentempos, in dem die Jerome K. Jeromesche Komik dahin-
kriecht: »eine Varieténummer vom Zeitmaß einer Sonntagspredigt«.71
Über Alfred Feketes Tragödie »Die Verhüllte«: »›Hereinspaziert! –
Das Drama der Syphilis, genannt die böse Lustseuche!‹ So rufen es jetzt
die Kinoausrufer und Theateragenturen an allen Ecken und Enden.
Spirochäen koinzidieren mit Tantièmen. […] Das Ibsenschicksal in der
Sudermannstube. Syphilis und Gugelhupf.«72
Über das dreiaktige Schauspiel »Rodion Raskolnikow«: »›Raskolni-
kow‹ nach Dostojewski von Leo Birinski. Besser gesagt: von Dosto-
jewski, aber nach Leo Birinski. (Nämlich so schaut Dostojewski aus,
wenn
…) Aus dem Koloß wird eine Baracke, aus der Riesenwelt (dieses
Shakespeares der Neurasthenie) ein Stück Kriminal. Es riecht nach
gummi arabicum. Herr Birinski wäre ohne Zweifel ein genialer Einrich-
ter. So ein ›Faust‹ fürs ›Extrablatt‹ mit Untertiteln: ›Was Frau Schwerdt-
lein erzählt‹, ›Der Heinrich hat’s tan‹, ›… mir graut vor dir‹ oder eine
›Madame Bovary‹ für die ›Kronenzeitung‹ gäben geradezu Schlager.
Denn er beherrscht die beiden Grundelemente dieser Kunst: Raus-
schmeißen und Spationieren. / Hätte er nur Dostojewski ganz heraus-
geschmissen! Das Birinskische Überbleibsel wäre zwar kein Stück,
aber immerhin noch ein ›Schtuck‹.«73
Der Wurm steckt auch in den Einaktern Viktor Fleischers: »Ein
Heimatdichter, der Einakter schreibt: das ist ein Steirerhütl in der
American Bar. Herr Viktor Fleischer aus Karlsbad, wo Heilquellen und
Unheilquellen sprudeln, tritt solcherart in die Fußstapfen Ludwig Tho-
mas. Er pafft das dramatische Separée mit kleinstädtischem Pfeifen-
dampf voll, packt seine Kreiswichtigkeiten und Bezirksinteressen aus
und bleibt über die Sperrstunde sitzen. Das ist fatal und gemütlich. –
Was diese Komödien im besonderen anlangt, so erweist es sich wieder
einmal, daß der Böhmerwald keine Bodenerhebung, sondern eine Ge-
sinnung ist. Etwa: deutsch-vorzüglich. Die Schule ist das Leben.«74
Dilettantismus wirft Kuh der Inszenierung der Kriegsgewinnler-Satire
»Das neue Gold« um Markus Loschitzer, »Händler in Kümmel, Schür-
haken, Kandis, Leinwand, Kaffee und Schmirgelpapier«, vor: »Es ist
eines der – neuerdings nicht seltenen – Stücke, in denen die Absicht
jüdelt und das Wort (frei nach Eisenbach) bloß so ›Cheidereichei-
Moischele‹ macht … […] Satire, deren Handlung immer mit einem
›Jetztwermasich‹ fortkeucht und deren Witz in Interjektionen erstickt
…
Die ›Budapester‹ im Spiegel der Offiziersmesse.«75
Dilettantismus
– anderer Art allerdings, nämlich: »wienerisch, grad-
linig, bieder«
– auch der »Gelegenheits-Anzengruber« »Brave Leut’ vom
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien