Seite - 174 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 174 -
Text der Seite - 174 -
174
Sprache: »Schauspieler aus dem Reich sprechen neuerdings nicht
deutsch – sie gurgeln mit Deutsch. Sie jagen wild jappend die Textzei-
len entlang, zerschmatzen Jamben zu ›Konversation‹, es pfeift, keucht,
rasselt, wässert in ihren Kehlen … Die Sprache klingt, mit Respekt zu
sagen, wie trockener Sprechschweiß. Und das eine, die Seele des einzeln
verhauchenden Tones und Wortes, könnte man Shakespeare doch noch
lassen!«80
Keine sehr hohe Meinung hat Kuh von den Mimen: Was Sängern
gerne nachgesagt wird, daß sie »ihren Mehrbesitz an Mitteln aus der ze-
rebralen Masse zu bezahlen haben«, daß sie »selbstgefällig, aufgeblasen,
hohl, geistlos« seien, treffe viel eher auf Schauspieler denn auf Tenöre
zu, namentlich auf die »Spezies der ›vitalen‹ oder gar der ›denkenden‹
Gestalter«.81 Und in einem seiner Stegreif-Vorträge hält er mit seiner
–
prophetischen
– Geringschätzung nicht hinter dem Berg: »Wenn ich der
Sozialismus wäre
– auf die Schauspieler würde ich verzichten. Der Schrei
nach der Hauptrolle ist in ihnen stärker als die Politik. Wenn sie den
Lear zugeteilt bekommen, ist es ihnen gleichgültig, ob Sozialismus, ob
Fascismus; und ich glaube, daß jeder Empörer unter ihnen seine Ge-
werkschaftstoga sofort hinwürfe, wenn man ihm den Lear gibt. Ja, ich
kann mir gut vorstellen, daß beim Beginn einer österreichischen Mus-
solini-Ära die brave Frau Niese auf der Bühne ausriefe: ›Jessas, ich
kann nicht anders – ich muß dem Mussolini ein Busserl geben!‹«82
Als Wiener Kind von klein auf imprägniert mit dem bildungsbürger-
lichen Gewese um den rituell vollzogenen Besuch des Theaters, das
– vor
allem den Wienern
– die Wirklichkeit ersetzt und wichtiger genommen
wird als das Leben – »Denn wenn der Schein einmal vorüber wäre,
wär’s mit der Wirklichkeit auch hin«83 –, dieses »Narkotikum des un-
befreiten Menschen«84, wie Anton Kuh das Theater in einem Berliner
Vortrag bezeichnet,85 hat er mit dem Jahr 1926 endgültig genug von
dem »bürgerlichen Galaschmarrn mondän-problematischer Kreuz- und
Quernichtigkeiten«86. Er bespricht zwar noch bisweilen Berliner Pre-
mieren und berichtet fürs »Prager Tagblatt«, die »Süddeutsche Sonntags-
post«, die »B. Z. am Mittag« auch späterhin noch von den Salzburger
Festspielen, wo er regelmäßig zu Gast ist. Mit seiner Geringschätzung
dieses »bengalischen bürgerlichen Zaubers«87 resp. seines theaterkriti-
schen Tuns hat er ohnehin nie hinter dem Berg gehalten: »Im übrigen
erscheint das Problem, ob der Kritiker klatschen darf, im Hinblick auf
Bolschewismus, weißen Terror und Ernährungslage vom selben Belang
wie die Frage: ›Darf der Tapezierer Knödel essen?‹«88
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien