Seite - 178 - in Anton Kuh - Biographie
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178 liches ist, dessentwegen er sich nicht entschuldigen zu müssen
glaubt«, referiert der anonyme Rezensent der »Wiener Allge-
meinen Zeitung« Kuhs Kernthese.103 Jener des »Neuen Wiener
Journals« ergänzt: »Der und das Sachliche bedürfe keiner Recht-
fertigung vor sich selbst. Der deutsche Bürger aber scheine
›Erotik‹ vom Erröten abzuleiten und seine Verlegenheit (und
Verlogenheit) suche sich durch die sogenannte Vergeistigung
der Liebestriebe zu schützen. Warum, fragt Kuh, haben wir nicht das
Bedürfnis, unseren Nahrungstrieb zu vergeistigen?«104 Die angekündigte
Diskussion entfiel: »Anton Kuhs ›Redeübung‹ erschöpfte das Thema
(geistvoll, nicht nur geistreich), so daß sich die angekündigte Diskussion
erübrigte; vielmehr sie hatte, wie immer bei diesem gründlichen Impro-
visator, schon stattgefunden: als Diskussion mit sich selbst.«105
Nicht unsittlich, aber mit strengem »Kommunalgeruch« behaftet ist,
was beim zweiten »Musik- und Theaterfest der Stadt Wien« geboten
wird. Eingangs seiner Halbzeitbilanz der von 15. September bis 15. Ok-
tober 1924 laufenden Wiener Festwochen streut Kuh dem »Roten Wien«,
der sozialdemokratisch verwalteten Kommune, Rosen. Die Festwochen
indes: »Die Luegerianer anno Kaiserjubiläums-Stadttheater hätten kaum
anders heimatliche Kunst zur Schau gestellt als ihre Antipoden. / Ad
Programmpunkt I, ›Musikfest‹: […] Das Programm war vollgestopft
mit Neulingsdarbietungen landsmännischer Herkunft, ›Förderungs‹-
akten gegenüber dem jungösterreichischen Talent. / Das heißt: Die Ver-
anstalter, gewissensvoll und gnädig nach der konservativen Rechten,
ließen von hier nicht minder wie von links jedes durch Fraktionsbezie-
hung ausgezeichnete Talent unter das festliche Dach schlüpfen, achte-
ten nicht so sehr der Kunst als des Stampiglienauf
druckes: ›vorwärts-
strebend‹ und liehen die Sache als eine Art patriotischer ›
Talenthilfe‹
her. / Sie klammerten sich, sonderbarerweise, an das genug kompro-
mittierte Wort ›Neuösterreich‹. / Welcher trostlose, berg umschlossene
Begriff! Schon in Altösterreichs letzten Jahren verhieß er nichts Gutes
und das Beste, das daraus hervorging, hieß Bartsch oder Wildgans.
Denn den Anspruch auf die heimatliche Kunst-Schutzmarke erhob
niemals das wirkliche Talent – weder Mahler noch Altenberg, noch
Klimt, Schiele, Kokoschka –, sondern das Nachahmungstalent aus der
geistigen Provinz. Die repräsentativen Österreicher schufen als Deut-
sche, Juden, Europäer. Die Herren aus Graz, Mödling, Salzburg aber
verleihen sich untereinander den Titel ›Neuösterreicher‹. Und vielleicht
verdienen sie ihn wirklich. Denn seit Kriegsende stellt es sich immer
deutlicher heraus, daß ›Wien‹ und ›Österreich‹ zwei beinah diametral
entgegengesetzte Begriffe sind.«
Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
22.4.1924,
19.30 Uhr:
Was ist
unsittliche
Kunst?
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien