Seite - 185 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 185 -
Text der Seite - 185 -
185
bewilligt, weil er »durch die Art seines Auftretens wiederholt die öffent-
liche Aufmerksamkeit in unliebsamer Weise auf sich gelenkt hatte«. Seit
1923 ist er bereits zweimal »abgeschafft« (so der Amtsjargon) worden,
zuletzt im Juni des Vorjahres: Sternberg, der nach dem Zusammenbruch
der Monarchie
– ganz gegen den Zeitgeist und auch ganz ent
gegen seinen
wiederholten Invektiven wider Kaiser Franz Joseph
– programmatisch
dynastietreu ist, gerät damit in Konflikt mit mehreren Mitgliedern des
elitären Jockeiklubs – für ihn eine Ansammlung von »Lakaienseelen«
und »die letzte Domäne der Hofkamarilla« –, insbesondere mit Her-
bert Herberstein, den er als oberste Autorität in allen Ehrensachen des
Clubs dafür verantwortlich macht, daß dort einer »Herrenmoral gehul-
digt« werde, die »im vollen Gegensatz zu der Offiziersehrenmoral«
stehe. Anfang März 1922 wird Sternberg von einem Komitee für Ehren-
angelegenheiten unter dem Vorsitz Herbersteins aus dem Jockeiklub
hinausintrigiert.137 Die Auseinandersetzung kulminiert am 2. Juni 1924
in einem »Rencontre« vor dem Hotel Sacher, bei dem Sternberg Her-
berstein laut Polizeiprotokoll »von rückwärts [angreift], tätlich miß-
handelt und beschimpft«.138
Anton Kuh winkt Sternberg, dem er sich »durch manches Talent zur
polizeilichen Abschaffbarkeit in Blut und Hirn verbunden weiß« und
der für ihn zu den ganz wenigen »Wirklichkeitsmenschen gehört, um
derentwillen das Leben in dieser vermoderten und verkropften oder
von einem gespenstischen Itzig-Geist bevölkerten Stadt noch eine Freude
sein könnte«, bereits am 11. Juli schriftlich zum Abschied und kommt
dabei auf seinen Prager Vortrag zurück: »›Sehen Sie, das ist – wie ich
unlängst vor Tschechen in einem Prager Vortrag sagte
– der Unterschied
zwischen den Österreichern von einst und jetzt: Schüler waren wir als
Staatsuntertanen immer; aber früher waren wir Gymnasialschüler und
unsere Professoren
– die rangshöheren Bureaukraten
– mußten zumin-
dest mit uns per Sie reden, durften uns auf der Straße nicht wegen Zi-
garettenrauchens stellen; heute, wo aus dem Staatsgymnasium ›Groß-
österreich‹ die Bürgerschule ›Deutschösterreich‹ wurde, sind wir zu
Bürgerschülern herabgesunken; die Lehrer sind mit uns per du und
hauen uns auf der Straße das Zigarettl aus dem Mund.«139
Bei der Abreise Sternbergs vom Wiener Ostbahnhof am späten Abend
des 16. Juli 1925 wird Kuh festgenommen, weil er sich über das behörd-
lich verhängte Verbot jeglicher Kundgebung hinwegsetzt und auf dem
Perron folgende Abschiedsrede hält: »Gestatten Sie, lieber Graf, daß
ich hier namens einiger Sie liebender Menschen dieser Stadt, die sich
schämen, Ihnen einige Worte zum Abschied sage. Sie haben das Ver-
brechen begangen, in diesem Staat, der sich in einen Lesebuch-Staat
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien