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listet. Er kündigt zwar an, entlastendes Material vorzulegen, bleibt
Beweise für seine Unbescholtenheit jedoch schuldig. Die gerichtliche
Auseinandersetzung mit Stolper und Federn endet im Januar 1924 ohne
Urteilsspruch. Békessy nötigt seine Gegenkläger zu einem außergericht-
lichen Vergleich – durch die Drohung, andernfalls einen Stolper kom-
promittierenden Privatbrief zu veröffentlichen.
Die Stolper-Federn-Affäre kann Békessy, der gute Kontakte zu füh-
renden Sozialdemokraten unterhält – was ihm im Juli 1923, auf dem
Höhepunkt der Affäre, gegen alle Bedenken zur Wiener Landesbürger-
schaft und damit zum Heimatrecht in Wien verhilft –, noch mit einem
Achselzucken abtun. Er begeht allerdings in seiner machtbewußten
Vermessenheit den verhängnisvollen Fehler, einen zäheren Widersacher
aufzustören: Karl Kraus. In einem »Börse«-Artikel vom 29. Oktober
1923 beschwört er die Worte des Herzogs von Wien in Shakespeares
»Maß für Maß«, die Kraus zwanzig Jahre zuvor seinem Pamphlet
»Sittlichkeit und Criminalität« als Motto vorangestellt hat,5 und ver-
gleicht sein Vorgehen gegen österreichische Mißstände mit jenem des
»Fackel«-Herausgebers.6
Zwar gemahnt die gesellschaftspolitische Blattlinie der »Stunde«, zwar
gemahnen Brandartikel gegen die schikanöse Behandlung von Prostitu-
ierten durch die Wiener Polizei, gegen puritanische Pseudo- und Dop-
pelmoral, gegen eine das »gesunde Volksempfinden« exekutierende
Justiz an die Pionierarbeiten Kraus’ zu den Themenkreisen »Sittlichkeit
und Kriminalität«7 und »Die chinesische Mauer«; daß Békessy indes
versucht, sich mit Kraus gemein zu machen
– er schickt, offenbar in der
Annahme, daß der Adressat ihn als Kampfgefährten anerkennen werde,
Kraus ein Exemplar dieser Nummer der »Börse«
–, ist dann doch ein zu
starkes Stück, als daß der »Fackel«-Herausgeber es sich nicht katego-
risch verbittet.
Ein halbes Jahr lang hat Kraus dem Treiben – dem Revolverjourna-
lismus und dem Hang der »Stunde« zu sensationalistisch aufgemachten
Klatschgeschichten; dazu verkommt die »Menschendarstellung«, der
»Die Stunde« großes Augenmerk zuzuwenden ankündigt, um »dem
Wiener zum Bewußtsein [zu] bringen, wie reich die Stadt an Talenten
und Originalen ist«,8 rasch – zugesehen, bevor er im Oktober 1923
unter dem Titel »Metaphysik der Haifische« angewidert die neureichen
Inflationsgewinnler aufs Korn nimmt, die von der »Stunde« als Ab-
schluß der dreißigteiligen Artikelserie »Wie wird man reich? Die
Geschichte der Wiener Milliardäre« als altruistische Wohltäter der
Menschheit gefeiert worden sind.9 Er empört sich über die huldvollen
Porträts jener zwei Inflationsnabobs, die das jüngste Kapitel der »Natur-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien