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Bild ist ein neues beigestellt, den Lesern wird in einem redaktionellen
Text anheimgestellt, ein Schönheitsurteil abzugeben. Das angeblich
korrigierte Bild ist erneut entstellt. Das Spiel wiederholt sich mit Varia-
tionen bis in den Oktober hinein.29
»Die Stunde« wirft mit Dreck: Ihre Niederträchtigkeiten reichen von
weiteren manipulierten Bildern30 über ein Visitenkartenrätsel »R.R.
Laus-Kak«, begleitet von einer abstoßenden Karikatur Kraus’,31 den
Wiederabdruck der Alfred Kerrschen »Caprichos«, Schmähungen aus
dem »Pan«,32 einen faksimilierten Brief Peter Altenbergs, in dem dieser
aus jener »heimtückisch-feigen Schar« seiner vorgeblichen Freunde und
Verehrer, die ihm übel mitgespielt hätten, ausgerechnet Kraus hervor-
hebt,33 bis zu infamen Auslassungen wie: »Karl Kraus war schon in
seiner frühesten Jugend ein ausgesprochen mieser Bocher. Er hatte einen
Mund, der schier von einem Ohr zum anderen reichte, eine auffallend
häßliche Nase und abnormal große Plattfüße«34 oder »Wer Herrn Karl
Kraus zum Beispiel in seinem Stammcafé mit geil überfließendem Mund
und verkrümmtem Rücken wie einen Baumaffen des Sarkasmus seinen
Jüngeln und Jüngern die Druckfahnen der nächsten Nummer seiner
Zeitschrift vorlesen gesehen hat …«35.
Selbst wenn man berücksichtigt, daß in der Tagespresse damals ein
eher rüder Ton herrscht, und in Rechnung stellt, daß auch Kraus bei der
Bezeichnung seiner Gegner – »Schleimrüssel«36, »Ungeziefer«37, »Wan-
zen brut«38 – nicht zimperlich ist, markieren die allermeist anonymen
Schmähungen Kraus’ in der »Stunde« einen Tiefpunkt publizistischer
Fehde.
Am 25. Juni 1925 hält Kraus im Mittleren Konzerthaussaal seinen
Vortrag »Entlarvt durch Békessy«, in dem er den Fall Stolper-Federn
wieder aufrollt, die Kampagnen der »Stunde« minutiös sarkastisch kom-
mentiert und die Kampfparole lanciert, die zum geflügelten Wort wer-
den sollte: »Hinaus aus Wien mit dem Schuft!«39
Auf einige Passagen von Kraus’ Vortrag bezieht sich Kuhs Text
»Kraus, der Nachtigallenfreund«. Die Vorgeschichte: »Die Stunde« hat
am 24. Mai auf der ersten Seite ein Bild von Kraus’ Auto mit folgendem
Begleittext gebracht: »Es wird unsere Leser interessieren, wie das neue
Privatauto des großen Satirikers (Fabrikat Nesselsdorf, Marke Tatra)
aussieht, der seinen Bannstrahl gegen diese im Auto am Elend vorbei-
fahrende Zeit geworfen hat.« Das Auto, ein Kleinwagen, war perspek-
tivisch so verzerrt aufgenommen worden, daß es die Anmutung einer
Luxuslimousine erhalten hatte.
Kraus hat diese »Enthüllung« mit souveräner, leichter Ironie pariert,
in einem Text, gespickt mit Seitenhieben auf die Unterstellungen und
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien