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1919 sollte seine Animosität gegen den Herausgeber der »Fackel« wei-
ter befeuern.
Kuh ist seit eineinhalb Jahren in Wien nicht öffentlich aufgetreten.
Interesse für seinen Vortrag muß durch die üblichen mehrfachen An-
kündigungen des Veranstalters in Tageszeitungen nicht erst geweckt
werden. »Die Stunde« kündigt am 18. Oktober, also eine Woche
im voraus, einen Stegreif-Vortrag Kuhs an, »worin er, in An-
knüpfung an gegen ihn gerichtete Angriffe, ein Bild des Wirkens
und der Persönlichkeit Karl Krausens zu entfalten gedenkt«;
meldet vier Tage später, die Nachfrage nach Karten sei so leb-
haft, »daß einige Sitzplatzreihen neu eingeschoben werden muß-
ten«; und ist so dreist, tags darauf eine Eloge auf »Anton Kuh, den
Sprecher« aus der Feder Berthold Viertels, »des bekannten Regisseurs,
Lyrikers und Kraus-Biographen«, teilweise nachzudrucken, die ur-
sprünglich im Mai 1918 im »Prager Tagblatt« erschienen war7
– womit
die Geplänkel schon vor dem Vortrag eröffnet sind.*
Sonntag, 25. Oktober 1925, 19.30 Uhr, Konzerthaus. Da Gerüchte
über geplante Störaktionen umliefen, hat Kuh Polizeischutz beantragt.8
Der Andrang ist enorm. Eine Stunde vor Vortragsbeginn sind alle
Karten vergriffen. Viele müssen unverrichteter Dinge wieder umkehren.
Die Stimmung im überfüllten Mittleren Saal ist aufgeheizt. Auf dem
Podium ein Stuhl, ein Tisch, darauf ein Glas Kognak. Im Saal 900 Perso-
nen, aufgeregte Jünglinge, ein leidenschaftlich erregtes Parterre. Ganz
nach dem Geschmack des schaulustigen Wiener Publikums, das für
eine »Hetz« immer zu haben ist. Neugierige, Sensationslüsterne, Da-
men, die sich den absehbaren »Skandal« nicht entgehen lassen wollen
–
das aber nahe den Ausgangstüren. »Manometer 99«, beschreibt das
»Neue 8 Uhr-Blatt« tags darauf die angespannte Atmosphäre und refe-
riert in bellizistischer Metaphorik weiter: »Kuhs Eintritt bewirkte die
erste Explosion. ›Hoch Karl Kraus!‹ gegen ›Hoch Kuh!‹ Sturm der
Sicherheitswache, zermürbt die Front der einen Partei, deren Marschall
das Hauptquartier nicht verlassen hat. Der andere Heerführer, persön-
lich im Schützengraben anwesend, behält eben recht, weil er da ist. In der
vordersten Linie. Anton Kuh beginnt zu sprechen. Aber als er gegen
die Buchstabengläubigkeit der Karl-Kraus-Jünger das Recht des freien
* Die »Arbeiter-Zeitung« räumt Viertel Platz für die Klarstellung ein, daß er
diesen Mißbrauch seines »verjährten Lobes« zur »Reklame für ein Rede-
attentat des Herrn Kuh gegen Karl Kraus«, für ein Vorhaben, das, wie
sowohl die Redaktion wie auch Kuh wissen mußten, er »für eine Nichts-
würdigkeit halte«, nicht billigen könne (Jg. 38, Nr. 299, 31.10.1925, S. 4).
Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
25.10.1925,
19.30 Uhr:
Der Affe
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien