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Geistes setzt, fliegen ihm Handgranaten der Zwischenrufer entgegen.
Immer wieder. Anton Kuh pariert sie geschickt, wirft sie blitzschnell
zurück, so daß sie den Angreifer in Lächerlichkeit zerreißen.«
Ganz so leichtes Spiel hat Kuh indessen nicht: Als er um 19.40 Uhr
das Podium betritt, wird er von stürmischem Applaus empfangen. Er
hat kaum Platz genommen, da werden vorn im Parterre »Hoch Karl
Kraus!«-Rufe laut, in die, wie auf Verabredung, von verschiedenen Seiten
des Parketts und auch von der Galerie brüllend im Chor eingestimmt
wird. Kuhs erste Worte gehen im Lärm unter. Schreiend und mit den
Füßen stampfend, versuchen die unter den 900 Anwesenden zahlreichen
Kraus-Anhänger Kuh am Sprechen zu hindern. Minutenlange Tumulte
und Handgreiflichkeiten zwischen den Krakeelern und Anhängern
Kuhs, bis eine Abteilung Sicherheitswache in den Saal dringt, zwei der
Randalierer hinausbefördert und notdürftig wieder Ruhe herstellt.
Als es Kuh nicht gelingt, sich im tosenden Beifall und gegen die
stürmischen Zwischenrufe Gehör zur verschaffen, stellt er fest: »Ich sehe
leider: ob Hitler, ob Karl Kraus – es ist dasselbe.«* Wieder minuten-
lang ohrenbetäubendes Geschrei und Geheul, wieder Tumulte, wieder
Einschreiten der Sicherheitswache. Von insgesamt sieben Verhaftungen
wissen Zeitungsberichte übereinstimmend, der Polizeipräsident hält in
seinem Notizkalender acht vorübergehende Festnahmen fest.9
Begeistertes Händeklatschen wie empörte »Pfui!«-Rufe branden an-
fangs immer wieder auf und unterbrechen den Vortragenden in seinen
Ausführungen, der sich keine bessere Bestätigung für das, was er an
diesem Abend beweisen will, vorstellen kann als diesen von der »toll
gewordenen Judobubeska«10 inszenierten Radau: eindeutiges und un-
leugbares Symptom jener Wiener Epidemie, die Kuh mit dem Terminus
»Itzig-Seuche« belegt, eine seiner zahlreichen Wortprägungen, die die
Gemüter immer wieder bis zur Raserei erregen.
In einer milderen Ausprägung, als er sie hier im Mittleren Konzert-
haussaal im »hysterisch-monomanen« Stadium agnoszieren muß, sei
ihm dieser Infekt in den vergangenen Tagen des öfteren begegnet: bei
Leuten, die ihn beschworen, doch abzulassen von seinem gottesläster-
lichen Vorhaben, öffentlich gegen Kraus vom Leder zu ziehen. Einreden,
über die sich Kuh nur wundern konnte – war denn nicht das »ganze
Lebenswerk« des Unantastbaren nichts anderes als »eine Kette ununter-
brochener Polemiken«? Andere wieder, Wohlmeinende, »glänzend ge-
schult in der Talmud-Thora-Schule der Anspielung, ›Fackel‹ genannt«,
* Kuh identifiziert damit keineswegs Kraus mit Hitler, er setzt hier bloß das
Verhalten der jeweiligen Anhänger gleich: Er zielt auf den Krakeel.
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien