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maßen Richard III. aus dem Haus der Kraus, aber kraft seiner höheren
Begabung mit Nase, Augen, Ohren alles das witternd, was auf dem se-
ligen Gegenüber-Ufer der Bessergeartetheit liegt«. Und auch als »besten,
begabtesten, geeignetsten Journalisten« zieht es ihn auf das »große
Gegenüber-Ufer der absoluten, der antijournalistischen, bedeutenden,
nicht am Papier und in der Zweidimensionalität haftenden Kunst«.
So wie bei Kraus die durchaus ins Positive zu wendenden Befähigun-
gen, die er seinem Herkommen schulde, schärfer ausgeprägt seien als bei
seinen Anhängern, fänden sich in ihm auch die Macken in einer extremen
Variante, nämlich die des »erstarrten, verhärteten Pubertätsstadiums«
mit seiner Verschiebung des Eros in den Intellekt und seinem »Selbst-
behauptungstrieb im Worte«, der in seiner »Angst, den sogenannten
überlegenen Standpunkt aufzuopfern«, das »Rechthaben auf dem Ni-
veau seiner Lebensblindheit« für das Sehen halte, dem nichts »durch
seine Wortwatte, die er im Ohr hat«, dringe. »Es ist eine Sprungbereit-
schaft im luftleeren Raum, die Inbrunst des Irrealen.«
Aus Furcht vor Selbsterkenntnis verschanzt hinter Worten und an
Beziehungswahn leidend, unfähig zuzuhören, lauert dieser »dialektische
Mensch« auf Anspielungen auf seine Minderwertigkeit und hat mit der
Vorwegnahme aller nur denkbaren Einwände jene »Nachhausebeglei-
tungssprache«11 mit ihren Überredungseffekten entwickelt, mit der der
»irrsinnige Interpunktionsmönch« seine Jünger in seinem Bann hält und
in die »Realitätslosigkeit und An-sich-Gescheitheit« treibe. »Er kann
nichts anderes mehr denken, er ist eingekreist, eingekraust, ausgekraust
(Heiterkeit), das Gehirn kann nur noch in den Spiralen der Ganglien
dieses Mannes laufen; denn es ist die dämonische Jünglings-Verzah-
rungsdialektik eines Menschen, der als der starre Buddha der eigenen
Pubertät an tausend Drähten und Fäden die Pubertäten anderer führt, des
Obergymnasiasten gegenüber den Untergymnasiasten, der zum Ordi-
narius der Sittlichkeit avanciert in den Augen des gierigen Mitschülers,
der an diesen Fäden hängt.«
Was aber, fragt Kuh, antwortet »Klassenvorstand Kraus« jemandem,
der sich, wie Kuh, nicht selbst ins Klassenbuch geschrieben hat, jeman-
dem ohne Kraus-Komplex, der ihm freimütig die Meinung sagt? Dem
Frevler, der an der »dünnatmige[n] Gespreiztheit«, hinter der Kraus sich
verschanze, so lange kletzelt, »bis die Visage hervorspringt«? – »›Herr
Kuh kommt von hinten!, mit dem neckischen Zusatz: ›Dort kennt er
sich aus!‹«* Über diesen Wink im »Katechismus der Anspielungen«
* Im Ehrenbeleidigungsprozeß, den Karl Kraus anstrengt, verwahrt er sich
gegen den von Kuh im Vortrag erhobenen Vorwurf, er, Kraus, habe mit der
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien