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seien dieselben Anhänger beglückt, die ihren »Anspielungsgott« be-
jubeln, wenn dieser »mit unerhörtem Pathos sagt: ›Ein Schriftsteller,
der sich nicht entblödet, auf sexuelle Angelegenheiten an zuspie len‹«
…
Keinem Anhänger mit den »dankbaren Schnuppernasen« falle dabei
auf, »daß man mit ein und derselben Dialektik ›eso‹ machen kann und
›eso‹«.
Sittlichkeit? Ethos? Kuh fragt nicht nur danach, sondern auch nach
der »politischen, aktuellen Wirkung, nach der Nützlichkeitswirkung«
–
und kommt zu dem Schluß, daß Karl Kraus’ »Verdienst« vornehmlich
darin bestehe, den »Zeittinnef«, der sich ohnehin selbst »paralysiere«
und nicht an die Nachwelt komme, rasch vor seiner Zersetzung über-
lebensgroß aufzubauschen und anschließend zu »erledigen«. Das auf-
geblasene Ethos, die Rechthaberei vom »empörungslodernden Posta-
ment« herab, »die zum ›Wahrlich, ich sage euch!«‹ ansteige, schrumpfe
damit zur rein »phonetischen, klangökonomischen Angelegenheit« –
»Ethospetetos« eben
–, eine eitle Virtuosität, für die Kuh die Formulie-
rung »Geburt des Ethos aus dem Geist des Ases« prägt.
Noch mit dem dramatischen Schlußpunkt seiner Rede, einer Lesung
des Kapitels »Vom Vorübergehen« aus »Also sprach Zarathustra«,
verhöhnt Anton Kuh Karl Kraus als jenen manisch »Antwortenden«,
als den er ihn hingestellt hat. Einige abfällige Bemerkungen Kraus’ über
Nietzsche zu dessen 25. Todestag seien nämlich auch bloß Reaktionen
auf eine Vision Nietzsches: »Kraus mit seinem ›Fackel‹-Deutsch! Wie er
leibt, ohne zu leben!« Das Auditorium muß den im Text auftretenden
»schäumenden Narren«, den das Volk den »Affen Zarathustras« nennt,
mit Kraus identifizieren, nicht nur, weil Kuh dessen Part mit täuschend
nachgeahmter Stimme spricht.
Daß es Kraus nicht werde lassen können, auf die Nietzsche-Stelle zu
antworten, steht für Kuh fest, er hingegen wünscht sich am Ende seiner
zweieinhalbstündigen Rede
– im letzten Drittel sind nur mehr vereinzelt
Zwischenrufe zu vernehmen, dröhnender Beifall, Heiterkeit, Hände-
klatschen dominieren – ein biblisches Wort, »das es leider nicht gibt
und das da lauten müßte: Wehe dem, der das letzte Wort hat
… Ich will
es hier nicht haben und werde es nicht haben, ich will und werde mit
dem schäumenden Narren nicht um die Wette laufen. Ich räume ihm
hiemit das Feld, der Herr der Rede – ›dem Diener am Wort‹!«
Bemerkung »Ich komme von rückwärts gegen ihn, da kenn ich mich aus!«
in »Literatur oder Man wird doch da sehn« auf Kuhs Homosexualität an-
gespielt.
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien