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wenn man ihm andeute, um welche Angelegenheit es sich handle. Als
Kraus kurz darauf wieder anruft und bittet, Kuh ans Telephon zu holen,
erklärt der Portier, daß Kuh in einem Sanatorium sei, aber gerade an-
gerufen und verlangt habe, daß man ihm mitteile, worum es gehe;
eventuell könne eine Verbindung hergestellt werden. Auf die Frage, in
welchem Sanatorium Kuh sich befinde, wird auch Kraus die Auskunft
verweigert. Daraufhin wird Samek im Hotel Beatrix vorstellig, um dort
im Namen Dr. Simons Kuh zu sprechen. Man teilt ihm mit, daß Herr
Kuh nicht zu sprechen sei. Die Angelegenheit mit Dr. Simon sei im
übrigen höchst eigentümlich, da sowohl ein Anruf Kuhs als auch des
»Beatrix«-Portiers im Grand Hotel, das Kraus als Wohnort Dr. Simons
genannt hat, ergeben habe, Dr. Simon sei Freitag früh abgereist. Um
halb 1 Uhr nachts ruft Kraus nochmals im Hotel Beatrix an, der Nacht-
portier teilt ihm mit, Kuh befinde sich in einem Sanatorium, werde aber
im Lauf der Nacht wieder zurück sein.
Kraus, der sich nunmehr sicher ist, daß die Erkrankung vorgetäuscht
ist, ersucht einen Bekannten, den Aufenthalt seines Opponenten zu
eruieren. Der ruft mehrere Nachtlokale an, von denen man weiß, daß
Kuh dort verkehrt, erfährt, daß Kuh die Renaissance-Bar in der Singer-
straße kurz zuvor verlassen habe, begibt sich hin und erhält um halb
2 Uhr die Auskunft »Herr Kuh sei in grösserer Gesellschaft ziemlich
lange Zeit hier gewesen, jedoch schon vor 1 Uhr ›mit einem ganzen
Transport Menschen‹ weggegangen«.17
Da auch ein Anruf Sameks im Hotel Beatrix am Sonntag vormittag
nichts ergibt
– der Portier bescheidet den Anrufer, Kuh lasse sagen, man
möge ihm den Zweck der Unterredung mitteilen, worauf dann eine
Bekanntgabe eines Treffpunkts erfolgen könne –, steht für Kraus fest,
daß Kuh »das Krankheitszeugnis von dem Arzte unter Simulation der
Krankheit erhalten habe und seine Gesundheit auf jeden Fall feststeht«,
und beantragt die »sofortige Anberaumung einer Hauptverhandlung
und vorläufige Festnehmung des Beschuldigten zum Behufe der Vorfüh-
rung gemäss § 452 Ziffer 1 St. P. O. Ferner beantrage ich, nach erfolgtem
Abschluss dieser Angelegenheit diese Eingabe dem staatsanwaltschaft-
lichen Funktionär zwecks Vorgehens gegen den Beschuldigten wegen
Verbrechens der Irreführung der Behörden, eventuell Übertretung des
Betruges vorzulegen.« Gezeichnet: Karl Kraus.
Dem Antrag auf vorläufige Festnahme des Beschuldigten wird nicht
stattgegeben. Einen neuen Hauptverhandlungstermin werde man an-
beraumen.
Kuh schildert die Vorgänge am 9. Juni in der »Stunde«, der Titel macht
die Stoßrichtung deutlich: »Sittlichkeit und Kriminalität oder Privat-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien