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überstellung zweier Kulturen derart im Schwange, daß, wenn Arthur
Kahane im Mai 1926 einen Text im »Berliner Börsen-Courier« »Die
beiden Städte«9 betitelt, jeder sofort weiß, welche zwei Städte nur ge-
meint sein können.
»Wien« ist intuitiv und gefühlsbetont, »Berlin« ist rational und analy-
tisch; Wien ist behäbige Muße, Berlin ist »Betrieb«, Dynamik, Tempo;
Wien ist gemütliche Schlamperei, Berlin ist preußische Organisation
und Disziplin; Wien ist behagliches Savoir-vivre, Berlin gilt der Genuß
des Daseins als Sünde und Zeitverlust; Wien ist
– glorreiche, aber eben
doch – Vergangenheit, Berlin – zwar lärmende und in Arbeit und
Schweiß dampfende, aber eben doch – Zukunft.
Auch Kuhs Stadtporträt in der Berliner »Revue des Monats«, »Wien.
Wie die Stadt war und wie sie ist« (1927)
– von deutschen Zeitungen wird
Kuh gern als »Wien-Sachverständiger« in Dienst genommen
–, kommt
um das notorische Thema »Die zwei Städte« und um die klischeehafte
Opposition »Donauphäaken« versus »Spreespartaner« nicht ganz
herum. Schon bei seinem ersten Besuch in der deutschen Reichshaupt-
stadt im September 1918 stellt er, Wiener Verhältnisse gewohnt und
daher verwundert über die zufriedenstellende Versorgungslage, den
klaglos funktionierenden Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel und
das weltstädtische Gepräge, das Berlin sich auch im fünften Kriegsjahr
bewahrt hat, implizit einen Vergleich zwischen Wiener und Berliner an,
der zwar abgedroschene, aber durch Augenschein bestätigte Klischees
bemüht: »Der Berliner, als sachlicher Nordländer […], bestimmt seine
Organisation persönlich mit und betrachtet sie als wechselsichernde
Übereinkunft. Aber er sieht sie auch nicht als Mode an oder Eiserne-
Zeit-Pose. Er markiert nicht g’schaftelhuberisch und dilettantisch den
›Geist der Ordnung‹, sondern […] hat die praktische Vernunft.«10
Was Kuh an Berlin »unerhört gefällt, das sind die Frauen und beson-
ders das junge deutsche Mädchen, in dem [er] das politische Heil [sieht],
weil sie produktive Antipolitik in die Welt trägt«.11 Die selbstbewußte,
erotisch und sexuell selbstbestimmte12 Frau, den »Typus des selbständig
erwerbenden, glasklaren, lebensgescheiten jungen Mädchens, das an die
Freiheit nicht seine Würde verliert und seinen männlichen Altersgenos-
sen längst aus dem Gelände von Dampf und Gesinnung in eine freie
Zukunft vorausmarschiert ist«,13 sieht er in der sechzehnjährigen Hilde
Scheller verkörpert, der Protagonistin der sogenannten »Steglitzer Schü-
lertragödie«, einem Eifersuchtsmord unter Gymnasiasten, der sich am
28. Juni 1927 ereignet, über die Grenzen Deutschlands hinaus Aufsehen
erregt und eine breit geführte Debatte über die »sittliche Verwahr-
losung« der (Mittelstands-) Jugend anstößt. Auch die sechzehnjährige
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien