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Anton Kuh - Biographie
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223 überstellung zweier Kulturen derart im Schwange, daß, wenn Arthur Kahane im Mai 1926 einen Text im »Berliner Börsen-Courier« »Die beiden Städte«9 betitelt, jeder sofort weiß, welche zwei Städte nur ge- meint sein können. »Wien« ist intuitiv und gefühlsbetont, »Berlin« ist rational und analy- tisch; Wien ist behäbige Muße, Berlin ist »Betrieb«, Dynamik, Tempo; Wien ist gemütliche Schlamperei, Berlin ist preußische Organisation und Disziplin; Wien ist behagliches Savoir-vivre, Berlin gilt der Genuß des Daseins als Sünde und Zeitverlust; Wien ist  – glorreiche, aber eben doch  – Vergangenheit, Berlin  – zwar lärmende und in Arbeit und Schweiß dampfende, aber eben doch  – Zukunft. Auch Kuhs Stadtporträt in der Berliner »Revue des Monats«, »Wien. Wie die Stadt war und wie sie ist« (1927)  – von deutschen Zeitungen wird Kuh gern als »Wien-Sachverständiger« in Dienst genommen  –, kommt um das notorische Thema »Die zwei Städte« und um die klischeehafte Opposition »Donauphäaken« versus »Spreespartaner« nicht ganz herum. Schon bei seinem ersten Besuch in der deutschen Reichshaupt- stadt im September 1918 stellt er, Wiener Verhältnisse gewohnt und daher verwundert über die zufriedenstellende Versorgungslage, den klaglos funktionierenden Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel und das weltstädtische Gepräge, das Berlin sich auch im fünften Kriegsjahr bewahrt hat, implizit einen Vergleich zwischen Wiener und Berliner an, der zwar abgedroschene, aber durch Augenschein bestätigte Klischees bemüht: »Der Berliner, als sachlicher Nordländer […], bestimmt seine Organisation persönlich mit und betrachtet sie als wechselsichernde Übereinkunft. Aber er sieht sie auch nicht als Mode an oder Eiserne- Zeit-Pose. Er markiert nicht g’schaftelhuberisch und dilettantisch den ›Geist der Ordnung‹, sondern […] hat die praktische Vernunft.«10 Was Kuh an Berlin »unerhört gefällt, das sind die Frauen und beson- ders das junge deutsche Mädchen, in dem [er] das politische Heil [sieht], weil sie produktive Antipolitik in die Welt trägt«.11 Die selbstbewußte, erotisch und sexuell selbstbestimmte12 Frau, den »Typus des selbständig erwerbenden, glasklaren, lebensgescheiten jungen Mädchens, das an die Freiheit nicht seine Würde verliert und seinen männlichen Altersgenos- sen längst aus dem Gelände von Dampf und Gesinnung in eine freie Zukunft vorausmarschiert ist«,13 sieht er in der sechzehnjährigen Hilde Scheller verkörpert, der Protagonistin der sogenannten »Steglitzer Schü- lertragödie«, einem Eifersuchtsmord unter Gymnasiasten, der sich am 28. Juni 1927 ereignet, über die Grenzen Deutschlands hinaus Aufsehen erregt und eine breit geführte Debatte über die »sittliche Verwahr- losung« der (Mittelstands-) Jugend anstößt. Auch die sechzehnjährige
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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